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Fußball

Alt oder Neu, das ist hier die Frage?

Das Runde muss ins Eckige! Die alte Herberger-Weisheit und wohl meist genutzte Fußball-Plattitüde muss auch hier treffend für die Tatsache herhalten, dass es beim Fußball letztlich auf die erzielten Tore ankommt. Nur das „Wie“, also die Spielweise, hat sich geändert. Vorstopper und Libero sind mega-out, wer sich heute als Fußball-Weise inthronisieren will, spricht wie selbstverständlich vom der diametral abkippenden Sechser oder der falschen Neun. Spieler bilden Rauten, Dreiecke, arbeiten gegen den Ball. Davon wusste ein Manni Kaltz, der die Bananenflanke hoffähig machte oder ein Gerd Müller, der einfach immer richtig stand, um seine Tore zu machen, noch nichts. Wo sind sie geblieben, die echten Kerle? Ein Katsche Schwarzenbeck, ein Kopfballungeheuer Hrubesch oder ein Kampfschwein namens Marc Wilmots? Allesamt ausgestorben, geopfert auf dem Altar mediengerechter, gleichgeschalteter Profis. Doch war früher wirklich alles besser?

Veröffentlicht am 31. Dezember 2015 von

Unser geliebter Fußball wandelt sich

Es ist kein großes Geheimnis, das die Generation 50+ ein anderes fußballerisches Verständnis hat als die Generation 20+. Und wie viele Spielsysteme haben wir nicht bereits miterlebt? Bei der WM 1954 mit dem sehr starren 3-4-3. Ganz anders als heute. Jeder Spieler muss mittlerweile jede Position einnehmen können oder zumindest die jeweiligen Aufgaben übernehmen. Früher hätte es das nicht gegeben, da ist einem schon mal das Herz in die Hose gerutscht, wenn der letzte Mann meinte, einen Ausflug nach vorne zu machen. (Gott, stand man da dem Herzinfarkt nahe.)

Und heute? Da gibt es einen Manuel Neuer, der als Torhüter Aufgaben des letzten Mannes übernimmt und einem den Atmen raubt. Wer hatte nicht einen Hauch von Panik in den Augen, als Neuer nicht nur einmal im Achtelfinalspiel gegen Algerien bei der WM 2014, den Libero mimend, die Fehler seiner Vorderleute ausbügelte. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen, dass ein Torhüter so hoch steht und nicht an der Linie klebt wie Pattex. Aber heute wird es quasi von jedem Torhüter erwartet. Davon kann auch die ehemalige zweite Bundesligatorhüterin des FSV Gütersloh 2000 (beziehungsweise FSV Güterloh 2009) Nadine Jablonsky ein Lied von singen: „ Bei einem Trainer mussten wir sogar mit den Spielern das Lauftraining absolvieren und nicht, wie früher, immer Abseits mit dem Torwarttrainer trainieren“, berichtet die heute 29-Jährige aus ihrer 23-jährigen Fußballerfahrung. Für sie war es von Vorteil, als klassische Antizipationskeeperin gab sie nicht nur einmal den Neuer, sondern diente auch als Anspielstation. Das wäre vor 30 Jahren ein Unding gewesen, doch heutzutage ist es das Normalste in der Fußball-Welt.

Der neue Stürmer

Genau wie das Spielsystem der „falschen Neun“. Erstmals tauchte das System in den 50er Jahren auf. Die Ungarn versuchten es mit dem „hängenden“ Mittelstürmer, doch ihnen fehlte der entscheidende Faktor, damit es funktioniert, nämlich die passenden Spieler. Daher musste erst 1987 Lionel Messi geboren werden, um dann einige Jahre später mit dem FC Barcelona das gedachte Spielsystem zu perfektionieren. Die enormen Vorteile, die diese Art des modernen Fußballs mit sich bringt, sind nicht von der Hand zu weisen. Raumgewinn und die Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff haben unseren Fußball verändert. Aber auch die Spieler, die dafür gebraucht werden.

Perfektion?

Aber wie sieht der ideale Spieler heutzutage aus? Warum gibt es nicht mehr diese Typen von früher, die noch ihre eigenen Ticks hatten und trotz ihres Bekanntheitsgerades so menschlich waren? So wie Johan Cruyff, der dem Glimmstängel die Treue schwor oder Mario Basler, der nicht nur dem kühlen Blonden verfallen war. Der Fußballer von heute sieht jedoch ganz anders aus. Athletisch, mit keinem Gramm zu viel auf den Rippen, vor Gesundheit nur so strotzend und einer gehörigen Portion an Muskeln, die den sportlichen Erfolg garantieren. Das Bild des Profifußballers ähnelt mehr und mehr einem Roboter, dessen Sinn und Zweck nur der Erfolg auf dem Sportplatz ist. Die Veränderung ist auch dem ehemaligen Pressesprecher Arminia Bielefelds, Hans Milberg aufgefallen: „Klar, Menschen sind keine Maschinen, aber manchmal hat man schon den Eindruck, dass der eine oder andere doch eher einer Maschine gleicht. Heutzutage ist jeder individuell auf das Spiel eingestellt und muss alles machen, beziehungsweise können. Ich behaupte mal, viel mehr und viel besser kann der Spitzenfußballer gar nicht werden.“ Was wird heutzutage nicht alles gemessen, um sportlich erfolgreich zu sein? Laufwege, Passquote, Vorlagen und, und, und.

Der Fußball hat sich von einem Hobby, das zum Beruf wurde, zu einem eigenständigen Wirtschaftsfaktor verändert. Was sich auch auf die Spielsysteme auswirkte. „Man sagt ja immer, früher war alles besser, was aber an sich nicht stimmt. Es ist nur anders geworden. Was sich verändert hat, ist der Fußball. Er ist kompletter geworden, wesentlich leistungsorientierter als früher und die Summen, die gezahlt werden, sind auch andere“, resümiert Hans Milberg die Veränderung der letzten Jahre.

Der Fußball ist schneller und attraktiver für den Zuschauer geworden, nicht nur eine Veranstaltung, bei der man genüsslich Bier trinken kann und mit Freunden über Schiedsrichterentscheidungen hadern kann. Nein, heutzutage wird auf aller höchstem Niveau diskutiert und wehe, man kennt die aktuellen Statistiken zum Spiel nicht. Dann hat man die Diskussion von Beginn an verloren.

Aber kann man wirklich jeden Spieler in ein taktisches Korsett zwängen? Sollte man ihnen ihre Freiheiten lassen? Ein Instinktfußballer gleicht in unserer heutigen Welt eher einer fast ausgestorbenen Rasse, als einem natürlichen Phänomen, was er eigentlich sein sollte. Das beste Beispiel dafür ist Thomas Müller, der absolut seinem Instinkt vertraut und die ungewöhnlichsten Tore schießt. Ob der Müller auch „normal“ das Tor treffen kann, wissen wir alle nicht und er selbst vermutlich auch nicht.

Auch Hans Milberg hat sich lange mit dem Mysterium Instinktfußballer Thomas Müller beschäftigt und eine klare Meinung zu dem Thema: „Müller ist ein Entertainer, den darf man nie an die Leine nehmen. Der weiß genau, wie er laufen muss und wenn er Glück hat, wissen seine Mitspieler das ebenfalls. Außerdem hat er den idealen Torriecher und man weiß nie, was er als nächstes vorhat. Einer der perfektesten Spieler für mich, den man niemals auswechseln darf.“


Schlagworte: Fußball, Fußball Bundesliga, Fußballschule, Spielsysteme

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Datum: 31. Dezember 2015
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