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Der letzte Ritt des Wunderhengstes

Quelle: getty images
Foto: Alex Livesey

(Hannover) Bei den Europameisterschaften in Aachen sollte die deutsche Dressurequipe Gold verteidigen. Sollte.

Veröffentlicht am 20. August 2015 von

Der Druck, der auf den Schultern von Matthias- Alexander Rat lag, war wohl nie größer. Für ihn sollte es das Comeback werden. Er sollte die Equipe zu Gold reiten. Sollte. Die Mission Titelverteidigung ist gescheitert. Der Hengst zeigte eine klare Taktunreinheit. Fachleute meinen, er hätte abgeklingelt werden müssen.

„Wir werden uns nach Aachen zusammensetzen und das Geschehen gründlich aufarbeiten. So eine Bauchlandung wie mit Totilas wollen wir nicht nochmal erleben“, erklärte Sportdirektor Dennis Peiler von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Totilas war immer schon das Sorgenkind. Die Spekulationen, dass Verantwortliche von der Verletzung, die am Donnerstag klar zu sehen war und Freitag diagnostiziert wurde, gewusst haben, bleiben bestehen. Dass Matthias Alexander Rath den Hengst nicht in die Arena trabte. Dass der Hengst Schmerzen hatte, die er nur in der Trabverstärkung zeigte, nicht jedoch in der Pirouette, Piaffe oder Traversale, wo mehr Last aufgenommen werden muss. Das alles hinterlässt ein trauriges Bild beim (Dressur)- Reitsport. Fragezeichen bleiben. PETA will Anzeige erstatten, der Vorwurf: Das Pferd unter Schmerzen an den Start geritten zu haben. Die deutsche Reiterliche Vereinigung sagt: „Das war ein Risiko. Und das ist gründlich schiefgegangen.“ In der Tat.

Gold in Reichweite

Einmal von vorne: Am Mittwoch den 12. August wurde es ernst für die deutsche Equipe. 26 Starter. 32 Lektionen. Jessica von Bredow- Werndl legte vor mit ihrem Unee BB. Das Ergebnis: 75,2 Prozent. Platz Eins für Deutschland. Die 29-Jährige meisterte ihr Debut in Aachen und ritt „mit einem breiten Grinsen aus dem Stadion. Ich sehe es als Geschenk. Als Belohnung für die letzten Jahre.“ Das Paar patzte beim geschlossenen Stehen  und auch das Rückwärtsrichten hakte etwas. Besonders ärgerlich, denn das sei eigentlich die Paradedisziplin, so Bredow- Werndl. Auch die Pirouette hätte Unee BB etwas erhabener springen können. Aber im Großen und Ganzen, was das eine tolle Leistung. „Das Küken hat das super gemacht“, so Chef … In der Tat belegte Jessica von Bredow- Werndl zunächst Platz Eins und das, obwohl sie nur „mit kalkuliertem Risiko“ geritten ist. Sie machte es besser als die 26 Starter vor ihr.

Dass ihr der Platz Eins noch bis zum Samstagabend blieb, damit hatte vielleicht niemand gerechnet. Nachmittags ging nämlich die zweite deutsche an den Start. 56 Jahre und 26 Goldmedaillen hat sie auf dem Buckel: Isabell Werth. Don Johnson in Topform, er traversierte wie ein Weltmeister. Aber das alleine reicht nicht. Er ist eben keine Bella Rose, die Hinterhand hätte in der Piaffe aktiver sein sollen. Insgesamt ein guter Ritt, ein Fehler in den Wechseln, aber sonst kaum Patzer. Die Notengebung klaffte von 72% bis 76% auseinander. Für die erfahrene Isabell Werth Grund zum Ärgernis: „Zwischen den Ergebnissen liegen Welten, das kann doch nicht sein“, diskussionswürdig, betonte die fünfmalige Olympiasiegerin und mehrfache Weltmeisterin. Sichtlich angefressen war auch der deutsche Teamchef Klaus Roeser. „Isabell ist super geritten. Alles gut. Das andere müssen die Richter verantworten“, sagte Roeser sauer und meinte nur: „Die Richter waren wirklich nicht nett zu Isabell.“

Kein Taktgefühl

Es ist Donnerstag, der 13. August. Eigentlich glich dieser Tag mehr Freitag dem 13. Totilas passagierte in die Arena. Der Druck war so groß wie vielleicht nie zuvor. Das Stehen, sehr gut. Die zweite Figur: der starke Trab. Der Takt wird nicht gefunden. Doch es ertönt kein klingeln. Den Takt kann der Hengst nicht finden. Den Takt wird Totilas wohl nie wieder finden. Sieben  Stunden später gibt es die Diagnose. Totilas ist verletzt, er leidet unter einem Knochenödem am Kronbein. Heilungschancen sind vorhanden, aber es das dauert. Diese Zeit hat Toltilas nicht mehr.

Es sollte die Goldmedaille werden, die ihm bereits 2013 verwehrt blieb. Damals war Matthias, der krank war. Jetzt ist es Totilas. Doch für ihn bedeutet diese Krankheit das Karriereaus. Warum es trotz dieser Taktunreinheit die 75,971 Prozent gab, ist fragwürdig. Warum kein Richter den Hengst, dessen Schmerzen durch das nachziehen des linken Hinterbeins deutlich wurden, nicht disqualifizierte ist schockierend. Denn es gab Richter, die dem Hengst nur 70% gaben, diesen mag die Unreinheit nicht entgangen sein. Ebenfalls schockierend, dass Rath nichts gemerkt habe. Oder vielleicht anders ausgedrückt: Nichts gemerkt haben will ? Totilas wurde mit sofortiger Wirkung aus dem Sport entlassen. Pferdefachmann Cartsten Sostmeier betonte: „Es ist traurig, dass solche Geschichten die wirklich großartigen Leistungen bei der EM in den Schatten stellen.“ “

Sprehe holt Doppel-Silber

Eine solche Leistung zeigte Kristina Bröring- Sprehe mit ihrem Desperados. Die gebürtige Niedersächsin zeigte als letzte deutsche Starterin mit ihrem Hengst, was es heißt zur Weltspitze zu gehören. Passage, Piaffe und auch der starke Trab und Galopp gelang der 28- Jährigen tadellos. Das Ergebnis: 79,986 Prozent. Doch auch dieser Ritt reichte nicht mehr um das eigentliche Ziel, die Goldmedaille, die Titelverteidigung zu erreichen.

Verlorenes Gold oder gewonnenes Bronze? Irgendwie ja beides. Das Resümee: Kristina Bröring Sprehe ist begeistert und hofft vielleicht bald die amtierende Weltmeisterin, Europameisterin und Weltranglistenerste Charlotte Dujardin schlag zu können. Und auch Küken Jessica Bredow- Werndl konnte ein gelungenes Debut feiern. Isabell Werth kann mit der Leistung ihres eigentlichen Zweitpferds Don Johnson zufrieden sein und weiß, dass ihr Favorit Nummer eins Bella Rose bald einsetzbar ist. Die fünffache Olympiameisterin und dreimalige Weltmeisterin konnte schnell wieder scherzen: „Wir wollten natürlich Dritter werden. Immer nur zu gewinnen, ist doch langweilig, wir wollten andere glücklich machen.“ Matthias- Alexander Rath ging es da doch ganz anders. Seine Karriere mit Totilas ist vorbei ohne, dass sie überhaupt eine Goldgeschichte schreiben konnten.
Wir haben uns schon Gold vorgenommen. Wir haben uns das anders vorgestellt. Aber so ist der Sport“, so Bundestrainerin Monica Theodorescu. Es bleibt zu hoffen, dass RIO besser läuft, nicht nur für die Deutschen, sondern auch für jedes Pferd und jeden Pferdefreund. Denn wer wünscht sich schon den Erfolg, der zu Lasten des Pferdewohles, erreicht wird.


Schlagworte: Aachen. Totilas, Desperados, Dressur, EM 2015, Grand Prix, Kristina Bröring-Sprehe, Matthias Alexander Rath

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Datum: 20. August 2015
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