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Leichtathletik

Der roten Bahn entlang

Trotz Handicaps schnell unterwegs: Sehbehindertenläufer Daniel Silva.

Sebastian Roob und Christoph Sailer orientieren sich quasi blind auf der Laufstrecke. Für die Paralympics zählen sie in ihrer Startklasse zu den wenigen deutschen Hoffnungen.

Veröffentlicht am 14. März 2016 von

Wenn der Heißhunger nachts nochmal hochkommt, klappt der Weg zum Kühlschrank meistens auch ohne Licht. Man kennt sich eben aus in seinen eigenen vier Wänden. Alles ist einem vertraut –  auch blind. Ähnlich ist es für Sebastian Roob, 19, und Christoph Sailer, 21. Sie sind seit ihrer Geburt sehbehindert. Wenn sie auf ihrer Heim-Strecke im Stadion beim Olympiazentrum in München laufen, können sie sich ohne Mühe orientieren.

„Alleine sind sie nicht so schnell, wie sie sein könnten“
Beide starten in der Klasse T12. Das heißt, sie haben die Fähigkeit, Umrisse auf der Strecke erkennen zu können. Trotzdem gibt es immer wieder Probleme. „Wenn ich nach vorne gucke, sehe ich die Bahn nicht“, sagt Roob. „Je schneller man wird, desto mehr muss man sich konzentrieren, weil es um einen herum verschwommen wird.“ Anne Heinzl, Trainerin der Athleten, sagt: „Alleine sind sie nicht so schnell, wie sie sein könnten.“ Genau deshalb sei das Training mit einem Begleitläufer wichtig. Dieser ist per Band mit dem Athleten verbunden, das beide mit den Händen festhalten. Doch gerade hier kommt es zur Herausforderung. Denn die sehenden Leistungssportler müssen schneller sein als Roob und Sailer, die  die 100 Meter in einer Zeit von zwölf Sekunden laufen. Langsame Sprinter würden die Entwicklung der beiden bremsen – potenzielle Begleitläufer dagegen starten eher im Nicht-Behindertensport.

Paralympics in Gefahr
Zwar trainieren beide mit sogenannten Guides, die sie auch bei den Wettkämpfen begleiten. Regelmäßiges Training mit ihnen ist jedoch nicht möglich. Dafür fehle es einfach an geeigneten Läufern, die regelmäßig Zeit finden. Deswegen steht nun der große Traum der Athleten in Gefahr: die Paralympics in Rio de Janeiro 2016.  „Das ist immer noch mein großes Ziel“, sagt Roob. Dafür trainiere er sechs Mal pro Woche. Im April 2015 brach er sogar seine Ausbildung zum Physiotherapeuten ab. Seitdem gilt die volle Konzentration nur noch dem Sport.

„Der Zug nach Rio ist abgefahren“
Bei Sailer sieht das anders aus. Wie er sagt, sei „der Zug nach Rio abgefahren“. Sailer wohnt im hessischen Marburg. Mit einem Begleitläufer kann er nur alle zwei bis vier Wochen in München trainieren. Anders als Roob wolle er den Fokus zudem auf sein Abitur legen. „Ich denke darüber nach, eine Pause einzulegen“, sagt er.

„Ich habe gemerkt, dass ich etwas kann, was nicht jeder kann“
Für immer fernbleiben will er dem Laufen allerdings nicht. Dafür gebe ihm der Sport einfach zu viel. Der Alltag dagegen bietet nicht immer Anerkennung und Wertschätzung. „Wenn ich mit einem Freund unterwegs bin und jemanden nach dem Weg frage, dann antworten die Meisten meinem Freund anstatt mir direkt zu antworten.“ Er brauche keinen Übersetzer, denn „man kann mit mir ganz normal reden“.  Auch Roob gibt zu: „Draußen fühlt man sich manchmal einfach nicht ernst genommen.“ Anders sei dies auf dem Trainingsgelände in München. „Dort habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich etwas kann, was nicht jeder kann“, sagt er.  Das Gefühl, „endlich etwas richtig gut zu können“, gebe ihm die nötige Kraft, um für seinen Traum von den Paralympics zu kämpfen. Verlassen kann sich Roob dabei aber nicht mehr nur auf seine eigene Motivation. Das wichtigste Trainingsgerät auf dem Weg nach Rio wird sein Begleitläufer sein.


Schlagworte: Anne Heinzl, Christoph Sailer, Leichtathletik, Paralympics 2016, PSV München, Rio, Sebastian Roob

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Datum: 14. März 2016
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