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Der RSC Anderlecht – So klein und doch so groß

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Der U19 des RSC Anderlecht ärgert in den letzten beiden Jahren regelmäßig die Nachwuchsmannschaften der Top-Klubs aus Europa. In der Youth League, der Champions League der U19-Mannschaften, setzten sie sich gegen Teams wie Barcelona, Arsenal und dem BVB durch. Doch was macht die Jugend aus Anderlecht so stark und wo kommt dieser Erfolg auf einmal her?

Veröffentlicht am 19. September 2016 von

Es war im März dieses Jahres, an einem Tag an dem es in Strömen regnete, als knapp 5000 Zuschauer die Sensation beobachteten. Zum zweiten Mal hintereinander muss man hinzufügen. Die U19 des RSC Anderlecht warf die U19 des großen FC Barcelona aus der Youth League. In der Jugend ist der FC Barcelona der Gradmesser für gute Jugendarbeit. Eine Jugend aus der in den letzten Jahren Talente wie Lionel Messi, Andres Iniesta, Xavi und zuletzt Munir El-Haddadi kamen.

Doch die Talentschmiede, auch La Masia genannt, flog nun zwei Mal in Folge gegen das Problemviertel aus dem Brüsseler Großraum raus. Einer Mannschaft bei der es sogar schwer fällt Spieler der ersten Mannschaft aus dem Kopf aufzuzählen.

Der RSC in der Weltelite

Doch wenn man die derzeitigen Talente einzeln betrachtet die derzeit, oder letztes Jahr, in der U19 von Anderlecht aktiv sind, versteht man den Erfolg dieser Mannschaft. Im Sommer diesen Jahres wechselte Orel Mangala zum BVB. Weitere Talente wie Wout Faes, Leander Dendoncker, Mile Svilar und Jorn Vanvamp werden von den europäischen Top-Teams gejagt.

Doch das ist nicht erst der Anfang der Talentschmiede von Anderlecht. Spieler wie Ismael Azzaoui, Vincent Kompany und Romelu Lukaku entsprangen der Anderlechter Jugend. Doch wie schafft es ein Verein, dessen erste Mannschaft nicht gerade international gefürchtet ist, so eine Jugendarbeit zu leisten?

„Purple Talents“ als Grundlage

Es war im Jahr 2008, als der damalige Jugendkoordinator Jean Kindermans und der soziale Betreuer Peter Smets das Projekt „Purple Talents“ ins Leben riefen. Die Idee hinter dem Projekt war nicht nur die fußballerische Entwicklung der Jugendlichen. „Hinter der fußballerischen Idee steckte eine menschliche“, sagte Smets in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Als Grundlage dafür dienten Kooperationen mit Schulen. Die Anderlechter setzten bei den Jungs nicht nur auf die fußballerischen Fähigkeiten, sondern unterstützten auch ihre schulische Entwicklung. „Wir müssen den Jungs zu verstehen geben, dass, auch wenn sie kein professionelles Level erreichen, sie immer noch einen Schulabschluss haben können, der ihnen die Möglichkeit gibt, einen Job zu finden und jemand mit intellektuellen Fähigkeiten zu werden“, äußerte sich Kindermans in der Dokumentation XX.

Das Herzstück des Projekts „Purple Talents“ und der Jugendarbeit des RSC ist das 2011 eröffnete Neerpede-Trainingscenter, in dem die 15-19-Jährigen trainieren können. Ein unschöner, brauner Kasten der inmitten von Wiesen und Bäumen steht. Der Trainer der derzeitigen U19 des RSC entsprang selber der Jugendarbeit des Vereins und absolvierte sogar 21 Bundesliga Spiele für Gladbach. Der 39-Jährige Stephane Stassin war im Gespräch mit GOAL über die derzeitige Jugendarbeit des RSC.

„Fußballer sind Menschen und keine Produkte“

„Wir folgen hier der Idee, dass Fußballer Menschen sind und keine Produkte, die den maximalen Gewinn bringen sollen, sei es sportlicher oder finanzieller Natur“, beschreibt Stassin den Grundgedanken der Anderlechter Nachwuchsarbeit. Beim RSC achtet man auf die Jungs und hört ihnen zu. Auch die Pubertät und die Tatsache, dass sie nicht auf Partys gehen werden in dem Verein berücksichtigt. Dabei wird in der Entwicklung der Jugendlichen auch weniger auf die physische, sondern mehr auf die fußballerische Entwicklung geachtet.

„Ein Romelu Lukaku war zum Beispiel schon in jungen Jahren sehr weit. Andere hängen körperlich hinterher. Aber das zählt nicht, sondern andere Dinge wie zum Beispiel Spielintelligenz. Beispiel hierfür war wie bei vielen anderen Dingen der FC Barcelona, der einen Andres Iniesta nicht aussortierte, obwohl er offensichtlich körperlich lange nicht so weit war wie andere“, sagte Stassin.

Abgeguckt bei den Großen

Agieren statt reagieren ist das Motto beim RSC Anderlecht. „Ohne Ball geht bei uns gar nichts“, sagt Stassin. Die Art wie Fußball gelehrt wird ähnelt sehr dem FC Barcelona. „Wir schulen Kondition und Koordination immer mit Ball. Nur so lernen die Spieler früh, wie wichtig Handlungsschnelligkeit ist. Man muss innerhalb weniger Augenblick Entscheidungen treffen auf dem Platz, diese Automatismen erlernt man nur, wenn der Ball zu einem gehört wie die eigene Nase.“

Ein Trick in der Entwicklung der spielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen ist es, das Grätschen bis zur U17 abzupfeifen. Die Jungs sollen fußballerische Lösungen finden und die körperliche Komponente kommt erst danach hinzu. Hinzu kommen Trainingseinheiten mit vielen Drucksituationen für die Jugendlichen, welche Überzahlspiele, halb hohe Anspiele oder Dreierketten beinhalten.

Die Kehrseite des Erfolgs

Doch die hervorragende Jugendarbeit birgt auch Nachteile. Die talentierten Jungs wechseln frühzeitig zu anderen europäischen Top-Vereinen und bleiben nicht in Anderlecht. Die eigentliche Idee, die eigene erste Mannschaft mit den Jungs aus der Nachwuchsarbeit zu spicken, geht damit verloren. „Natürlich wollen wir langfristig ändern, dass unsere besten Talente wechseln. Das hat in den letzten Jahren stark zugenommen, weil immer mehr große Vereine keine Kosten und Mühen scheuen, Teenager zu verpflichten, um sich so einen etwaigen kostspieligen Transfer ein paar Jahre später zu sparen“, sagt Stassin.

Ein weiterer Nachteil ist die geringe Attraktivität der belgischen Liga, aus der auch die Talente von Genk, Lüttich und Co. nicht nach Anderlecht wechseln, sondern schon in Teenagerjahren das Ausland vorziehen. Entgegenwirken will der RSC Anderlecht mit Hilfe von Gesprächen mit den Eltern. In diesen Gesprächen wollen die Vereinsverantwortlichen den Eltern erklären, dass ein zu früher Schritt ins Ausland der Entwicklung des Jungen entgegenwirken kann. Außerdem wird auch betont, dass es nur an wenigen Orten in der Welt eine bessere fußballerische Ausbildung gibt als beim RSC.

Und wie gut diese Jugendarbeit tatsächlich ist, zeigte ein regnerischer Tag, an dem die heilige Jugend aus „La Masia“ das Nachsehen in Anderlecht hatten.


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Datum: 19. September 2016
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