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Der Schatten über Aachen

Foto: Patrik Stotllarz (AFP)
Quelle: getty images

(Hannover) Es sollte die erste Goldmedaille werden für Deutschland. Sollte. In der vergangenen Woche lief bei den Europameisterschaften in Aachen nicht alles so, wie es sich der Pferdefreund gewünscht hätte.

Veröffentlicht am 21. August 2015 von

Nicht nur, dass es nicht Gold gab. Sondern vor allem rüttelten zwei Ereignisse die Fans, die Verantwortlichen, die Equipe und letztendlich eine ganze Nation wach. Das war Dressursport von seiner hässlichen Seite. Das Thema ist noch nicht ausdiskutiert. Konsequenzen folgen. Das Ergebnis: statt Gold für Matthias- Alexander Rath, eine Diagnose, die den Wunderhengst mit sofortiger Wirkung aus dem Sport entlässt. Außerdem schockierte auch der Ritt von Edward Gal am Samstag.

Totilas, der einstige Wunderhengst, zeigte bei seinem Auftritt, insbesondere im starken Trab, eine deutliche Taktunreinheit. Hinter verdecktem Handrücken wurde getuschelt: „Lahm?“ Kein Richter klingelte. Keiner der Verantwortlichen wolle vorher gesehen haben, dass Toto hinten links hinterher zog. Rath ist nicht wie normalerweise üblich in die Arena getrabt. Trab ist die Gangart, in der man Lahmheiten am ehesten erkennt. Hatten Reiter, Besitzer oder auch Trainer von einer Verletzung, von einer Lahmheit gewusst? Doch diese Frage und einige mehr werden wohl offen bleiben.

Tierarzt äußerte anscheinend Bedenken

Fest steht, Totilas hatte Schmerzen. Fachleute meinen, die Lahmheit bereits im Schritt erkannt zu haben. Die deutsche Mannschaft insbesondere Bundestrainerin Monica Theodorescu und Vorsitzender des Dressurausschusses Roesler beteuerten im Vorfeld nichts gesehen zu haben. Rath will nichts gespürt haben. Es sei nichts geschwollen gewesen oder auffälliges erkannt worden sein. Offene Fragen lassen dennoch Raum für Spekulationen. Mehrere Medien wie FAZ- online schrieben von Problemen beim Vet- Check. Ein Tierarzt soll Bedenken geäußert haben, wurde aber überstimmt, von zwei Richtern (!). „Totilas ist durchgekommen. Er wurde nach einmaligen Traben durchgewinkt,“ versicherte Reiter Matthias- Alexander Rath der ARD. Seit vergangendem Freitag gibt es die Diagnose, es soll ein Knochenödem sein. Fragwürdig bleibt, warum das Pferd im Trab solch deutliche Unklarheit anzeigte und in der Piaffe, wo sehr viel mehr Last auf die Hinterhand aufgenommen werden muss, der 15-Jährige Hengst im Grunde klar laufen konnte.

Laut Informationen des Deutschlandfunks werde es zu einer Anklage kommen. Stellvertretender Vorsitzender von PETA Deutschland Edmund Haferbeck gab beim DLF an, dass es zwei Anzeigen geben werde. Eine, die sich gegen den Reiter und die Verantwortlichen um den Hengst Totilas richten werde. Der Vorwurf: Tierquälerei. Anwendung der Rollkur und ein Pferd unter Schmerzen bei einer Prüfung starten lassen.

Brutaler Dressursport

Aber auch ein ganz anderer Reiter wird sich verantworten müssen. Edward Gal, früherer Besitzer von Totilas. Während er seinen Auftritt am Donnerstag souverän ausführte, schien sein Pferd am Samstag ein ganz anderes zu sein. Hypernervös und keineswegs losgelassen passagierte Glocks Undercover. Das Pferd voller Spannung, Stress und Angst, die ihm der erfahrene Reiter nicht nehmen konnte.  Im Trab zog Edward Gal den Hengst regelrecht zusammen. Im Schritt schien Glocks Undercover eher eilig zu rennen, statt zu schreiten. Dann das Klingeln. Schock. Der weiße Schaum am Maul verfärbte sich rosa. Das Paar wurde disqualifiziert. Die Regeln besagen, sobald das Tier blutet, ist es vorbei. Glocks Undercover hatte sich scheinbar so fest auf die Zunge gebissen, dass es blutete. Gründe für ein solches Verhalten sind meistens Angst, Panik, Stress, Unruhe.  Ängstlich, fast panisch galoppierte der Hengst raus. Hätte Gal nicht weiter an den Zügeln gerissen, wäre der Hengst wahrscheinlich losgerannt, ohne Ziel. Einfach weg. Edward Gal sorgte somit für einen weiteren Tiefpunkt. Spekulationen zur Folge, habe das Pferd Angst vor seinem Reiter.

Besonders bitter für den Sport: Einen Tag zuvor kursierte Bild- und Videomaterial im Netz, wo der Niederländer sein Pferd zusammenzieht. Er wendet die offensichtlich auf dem Abreiteplatz die umstrittene Methode LDR- Methode an. LDR soll angeblich ohne Kraftaufwand und Aggression des Reiters auskommen. Eine zehnminütige Anwendung von LDR auf dem Abreiteplatz ist derzeit offiziell erlaubt. Das Tier soll ergiebig gemacht werden. Die Dressur soll eigentlich ein Tanz von Pferd und Reiterpaar sein. Harmonie, Eleganz und Gleichklang soll herrschen. So definiert es die reiterliche Vereinigung (FN). Mit dem, was Gal am Freitag und Samstag zeigte, schlug er die hässliche Seite des Dressursports auf und sorgt für neue Diskussionen.

Probleme über Probleme
In derselben Prüfung wehrte sich Deja, das Pferd von dem schwedischen Reiter Patrik Kittel. In den Piaffen stieg die Stute. Daraufhin zog er selbst den Hut und gab auf. Wenig Glück hatte auch die Dänin Anna Kasprzak mit ihrem Donnperignon. Während des Vet-Checks trat sie das Pferd heftig gegen den Brustbereich. Grund hierfür ist unklar. Jedenfalls litt die 23-Jährige unter starken Schmerzen, so dass sie gar nicht erst starten konnte.

Nach all diesen Ereignissen bleibt zu hoffen, dass offene Fragen geklärt werden können und es für Verantwortliche, die entgegen des Wohlergehens der Tiere handelten Konsequenzen geben werde. Denn die Dressur und der Reitsport lebt von der Partnerschaft von Pferd und Reiter.


Schlagworte: 2015, Aachen, Aus, Dressursport, Edward Gal, Knochenödem, Matthias Alexander Rath, Monica Theodorescu, Reit-EM, Rollkur, Totilas, Wunderhengst

Artikelinformationen


Datum: 21. August 2015
Veröffentlicht von:
Korrektur: Isabel Fröbius


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