Logo

Das Nachrichtenportal für Sport

Fußball

Die Niederlande – Eine Fußballnation am Tiefpunkt

Quelle: getty images

Das Team der Niederlande zählte bei jedem großen Turnier immer zu den Titelkandidaten. In Frankreich ist das Team gar nicht erst dabei und das obwohl das Turnier sogar um acht Mannschaften erweitert wurde. Was ist passiert?

Veröffentlicht am 13. Juni 2016 von

Zu Beginn der Europameisterschaft in Frankreich herrscht eine Debatte über die künstliche Aufblähung des Turniers mit acht zusätzlichen Teams. Die Qualifikation für die diesjährige EM schien für die etablierten Fußballnationen in Europa mehr als einfach und bot fünf Ländern die Möglichkeit erstmals an einer EM-Endrunde teilzunehmen. Trotz der vermeintlich einfachen Qualifikation, hat es die große Fußballnation Niederlande aber nicht geschafft sich zu qualifizieren und wurde nur vierter in ihrer Qualifikationsgruppe. Hohn und Spott gab es im Anschluss, aber auch Unverständnis. Wie kann ein Team was seit je her immer mit Stars uns Mega-Talenten gespickt war sich für ein Turnier, wo so gut wie jeder dabei ist, nicht qualifizieren?

Der holländische Fußball war das Maß aller Dinge

Im März dieses Jahres ist das niederländische Fußball-Genie Johan Cruyff gestorben. Mit ihm, so scheint es, ist auch der niederländische Fußball von uns gegangen, dessen Offensiv-Taktik Cruyff seit den 1970ern erfunden und geprägt hat. Von Offensiv-Spektakel und schnellem Angriffsfußball war in der abgelaufenen Qualifikation nicht mehr viel zu sehen. Cruyff hat zu seiner aktiven Zeit als Spieler den „voetbal totaal“ erfunden, der von, damals nie dagewesener, Offensiv-Kreativität geprägt war und über hochstehende Außenstürmer in einem 4-3-3 System funktionierte. Dieser Fußball sorgte dafür, dass niederländische Teams Anfang der 1970er viermal hintereinander den Europapokal der Landesmeister holten und die Nationalmannschaft um Cruyff 1974 und 1978 das WM-Endspiel erreichte. Auch in den Jahrzehnten danach stand der holländische Fußball immer als das Musterbeispiel für schönen, technisch versierten und offensiven Fußball.

Die Jugendarbeit war das Mittel zum Erfolg

Dabei stellten die Niederlande immer wieder die Superstars der jeweiligen Fußballgeneration. War es in den 1970ern Johan Cruyff, so folgten in den 1980ern Marko van Basten oder Ruud Gullit. In den 1990ern und Anfang der 2000er prägten die Spieler aus dem Team von Ajax Amsterdam, welches 1995 die Champions League gewann, den holländischen Offensiv-Fußball. Clarence Seedorf, Patrick Kluivert, Edgar Davids oder Edwin van der Sar waren die Stars dieser Zeit und spielten bei allen europäischen Topclubs. Die Niederlande brachte stets neue Talente hervor, welche vor allem aus der exzellenten Jugendakademie von Ajax Amsterdam stammten. Daher zählten die Niederlande immer zu den Titelfavoriten, wenn es zu einem großen Turnier ging.

Die Entwicklung ist stehen geblieben

Doch heute ist dies nicht mehr so. Der holländische Fußball ist überholt. Andere Nationen kopierten den „voetbal totaal“, entwickelten ihn weiter, oder fanden ein gutes Gegenmittel. Auch das System der Jugendarbeit wurde von anderen Nationen übernommen und sogar verbessert. Spanien, Deutschland oder Frankreich sind die Länder welche heutzutage die Standards setzten, den attraktivsten Fußball spielen und immer wieder vielversprechende Talente hervorbringen. Dabei wird aber nur noch selten auf das holländische 4-3-3 System zurückgegriffen, sondern die Außenverteidiger werden immer mehr zu den wichtigsten Spielern auf den Außenbahnen, David Alaba oder Dani Alves sind die besten Beispiele dafür. Den klassischen Außenstürmer gibt es im heutigen Fußball kaum noch. Doch die Niederlande haben sich stets auf dieses System verlassen, es wurde sogar in Jugend- und Amateurteams für die Trainer vertraglich vorgeschrieben. Nun ist dieses System überholt und der holländische Fußball, der die letzten Jahrzehnte so maßgeblich geprägt hat, stagniert. Die Jugendakademie von Ajax Amsterdam ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war. Der FC Barcelona ist in der Hinsicht mit seiner „La Masia“ das Non plus Ultra des heutigen Jugendfußballs.

Keine Besserung in Sicht

Der dritte Platz bei der WM 2014 scheint nun umso mehr als eine Meisterleistung von Louis van Gaal, weil er ein Team was einen überholten Fußball verinnerlicht hat trotzdem bis ins Halbfinale führte. Im derzeitigen Aufgebot der niederländischen Nationalmannschaft befindet sich kein Superstar mehr und die die es einmal waren befinden sich weit über ihrem Zenit. Die guten Talente, die der holländische Fußball durchaus noch hervorzubringen vermag, werden keine reifen Spieler mehr. Eljero Elia oder Ibrahim Afellay sind Musterbeispiele für diese ewigen Talente. Was die Niederlande nun braucht ist eine Generalüberholung. Der holländische Fußball muss sich neu erfinden, die Jugendarbeit erneuert werden. Sich auf die Errungenschaften alter Tage auszuruhen reicht nicht mehr. 2002 verpasste man mit der WM in Japan und Südkorea schon einmal ein großes Turnier, damals schien es aber noch wie einmaliger Ausrutscher. Wenn man in den Niederlanden nicht noch mehr große Turniere nur vor dem Fernseher verfolgen möchte, so muss sich nun ganz schnell etwas tun.


Schlagworte: EM 2016, Fußball, Holland, Johan Cruyff, Niederlande

Artikelinformationen


Datum: 13. Juni 2016
Veröffentlicht von:
Autor: Mats-Ole Jensen


Teilen & Versenden


Auf teilen
Auf teilen

Kurzlink: bit.ly/1DASnWi