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Die Nummer eins zu sein ist nicht leicht

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Novak Djokovic ist die unumstrittene Nummer eins der Tenniswelt. Anfang des Jahres galt er als unschlagbar, der historische Golden Slam wurde ihm sogar zugetraut. Doch es sollte anders kommen. Überraschend früh scheiterte er bei Wimbledon und Olympia. Ein Rückblick auf die Saison des Ausnahmekönners.

Veröffentlicht am 30. September 2016 von

(HANNOVER) Es ist der 5. Juni 2016, Novak Djokovic malt ein Herz in den roten Sand des Centre Courts von Roland Garros. Der Serbe hatte soeben, zum ersten Mal in seiner Karriere, die French Open gewonnen. Djokovic hatte zuvor Gustavo Kuerten, um Erlaubnis gebeten, diese Geste der Zuneigung aufführen zu dürfen. Der Brasilianer ist sozusagen der Urheber dieser Geste, als er 2001 nach seinem Triumpf an gleicher Stelle das Herz in den Sand malte. Manche sagen, dies sei bei Djokovic alles zu aufgesetzt, sein Auftreten in der Öffentlichkeit zu durchgeplant und deswegen nicht authentisch. Das kann jeder sehen, wie er will, doch dass Djokovic, authentisch oder nicht, momentan die klare Nummer eins in der Tenniswelt ist, da sind sich alle einig.

Djokovic das Maß aller Dinge

Vielleicht mag sein Auftreten in der Öffentlichkeit wirklich zu durchgeplant sein, was aber auf jeden Fall durchgeplant ist, ist sein Auftreten auf dem Platz. Bei jedem Gegner, weiß er ganz genau wie er zu spielen hat, um ihn zu schlagen und wenn Djokovic sein bestes Tennis spielt kann ihn momentan sowieso keiner schlagen. Mit dem Sieg bei den French Open lief nun auch alles nach Plan. Im letzten Jahr war dies noch das einzige Grand Slam Turnier, welches er nicht gewinnen konnte. In einem dramatischen Finale musste er sich damals dem Schweizer Stan Wawrinka geschlagen geben. Zu Tränen gerührt war er anschließend, als es minutenlang Standing-Ovations für den Verlierer gab. Er wusste wahrscheinlich in diesem Moment schon, dass ihm da wohl eine historische Chance entgangen ist.

Der historische Grand Slam

Seit dem Australier Rod Laver 1969 hat es kein männlicher Tennisspieler mehr geschafft einen echten Grand Slam zu holen, also alle vier Grand Slam Turniere in einem Jahr zu gewinnen. Heutzutage gilt dieser Triumpf als noch schwieriger zu holen, als es eh schon ist, da, im Gegensatz zu Rod Lavers Zeiten, nicht mehr nur auf einem Belag, sondern auf drei verschiedenen Belägen gespielt wird. Die Australian Open hatte Djokovic 2015 bereits gewonnen, Wimbledon und die US Open holte er sich nach seiner Niederlage bei den French Open auch noch. Hätte er Wawrinka in diesem Finale geschlagen, wäre ihm das fast unmögliche Kunststück gelungen. Alle Größen des Tennissports sind an diesem Projekt bisher gescheitert. Kein Pete Sampras, kein Boris Becker, kein Rafael Nadal oder ein Björn Borg konnten alle vier Turniere in einem Jahr gewinnen. Sogar dem wahrscheinlich besten Spieler aller Zeiten ist dies nicht gelungen. Roger Federer schaffte es drei Mal die Australian Open, Wimbledon und die US Open zu gewinnen. Nur der French Open Titel fehlte ihm, wie auch Djokovic, jedes Mal.

Erste Hälfte der Saison großartig

Trotz des verlorenen Endspiels von Paris spielte Djokovic eine überragende Saison und wurde sogar zum Weltsportler des Jahres gewählt. Wenn er nur ansatzweise an seine Topform herankommt, schien Djokovic für die nächste Zeit unschlagbar. Sein Platz ganz oben in der Weltrangliste war so sicher, wie nie zuvor. In diesem Jahr unternahm Djokovic daher einen neuen Angriff auf das Projekt Grand Slam und nicht wenige trauten ihm diesen Erfolg zu. Zusätzlich war in diesem Jahr nicht nur der normale Grand Slam möglich, sondern, aufgrund des Olympischen Turniers, sogar der Golden Slam (alle Grand Slam Turnier plus die Olympische Goldmedaille). Dies gelang noch keinem Mann je zuvor. Nur Steffi Graf gelang 1988 dieser einzigartige Erfolg. Djokovic ging also mit einem gewaltigen Erwartungsdruck in die Saison 2016. Doch seit er Boris Becker als Coach an seiner Seite hat, scheint Djokovic in Drucksituationen noch besser geworden zu sein. Folgerichtig konnte er erneut die Australian Open und endlich auch die French Open gewinnen, es lief eben alles nach Plan.

Unerklärlicher Einbruch

Doch dann kam der große Schock. Beim Wimbledon-Turnier, nur zwei Wochen nach Paris, schied Djokovic völlig überraschend, als Titelverteidiger, bereits in der 3. Runde aus. Die damalige Nummer 41 der Weltrangliste Sam Querry ließ den Traum für Djokovic platzen. Djokovic lag in diesem Spiel schon mit 0:2 Sätzen hinten ehe ihm eine Regenpause vor der vermeintlichen Niederlage bewahrte. Das Match musste am Folgetag fortgeführt werden. Jeder war sich sicher, dass Djokovic lediglich einen schlechten Tag erwischt habe und das Spiel am nächsten Tag noch drehen werde. Doch dem war nicht so, nachdem er den dritten Satz noch für sich entscheiden konnte, verlor er den vierten und sein Aus war besiegelt. Niemand konnte sich dieses Szenario erklären, auch Djokovic selber nicht. Einen Monat später kam es dann noch überraschender. Bei den Olympischen Spielen sollte nach dem Ausrutscher in Wimbledon wenigstens noch die Goldmedaille her. Doch in Rio schied er sogar schon in der ersten Runde gegen den Argentinier Juan Martin del Potro aus, zu diesem Zeitpunkt nur die Nummer 141 der Weltrangliste. In der entscheidenden Phase der Saison verließen Djokovic also doch die Nerven. Vielleicht war der Erwartungsdruck einfach zu groß. Der Serbe, in seiner Heimat fast vergöttert, bewies, dass er doch auch nur ein Mensch ist und eben doch nicht alles planbar ist. Der Fakt, dass er trotz des frühen Ausscheidens bei diesen Turnieren, weiterhin unangefochten die Nummer eins der Weltrangliste ist, zeigt, wie groß seine Dominanz in den letzten Jahren war.

Weiter Chance unwahrscheinlich

Bei den US Open im September hatte Djokovic endlich wieder zu seiner Form zurückgefunden. Ohne den Druck, der das ganze Jahr auf ihm lastete, spielte er befreit und dominant wie eh und je auf. Im Finale musste er sich allerdings erneut Stan Wawrinka geschlagen geben. Es zeigt, dass seine Dominanz in der Tenniswelt langsam zu Ende geht. Seine Verfolger sind besser und vor allem mehr geworden. Die Vielfalt in der Weltspitze hat wieder zugenommen. Die Zeiten, in denen Federer, Nadal, Murray und Djokovic alle großen Titel unter sich ausmachten sind vorbei. Zudem wächst eine neue Generation an Weltklassespielern heran. Die einmalige Chance auf einen Grand Slam oder gar auf den Golden Slam ist für Djokovic damit wohl vertan. Eine ganze Saison besser zu sein als jeder andere scheint im Tennissport immer unmöglicher zu werden. Als Nummer eins ist man nun mal immer der Gejagte, wie schwer das sein kann hat Djokovic in dieser Saison gezeigt.


Schlagworte: Boris Becker, Golden Slam, Grand Slam, Novak Djo, Tennis

Artikelinformationen


Datum: 30. September 2016
Veröffentlicht von:
Autor: Mats-Ole Jensen


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