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Die Zuschauer wissen alles, und doch gar nichts

Hunderte von Personen stehen am Zaun. Kinder, Eltern, Großeltern. Einige mit Fanartikeln, andere mit Tröten und wiederum andere mit Klatschpappen oder Trommeln. Voller Begeisterung und Nervosität stehen sie am Spielfeldrand und können den Anpfiff des Spiels kaum erwarten. Wie wird das Spiel ausgehen? Wer wird am Ende des Spiels als Gewinner vom Platz gehen?

Veröffentlicht am 15. November 2015 von

Alle Spieler und auch Schiedsrichter laufen ein. Jeder einzelne Spieler wird beim Namen genannt und den Zuschauern vorgestellt. Die Wimpel jeder Mannschaft werden als Zeichen der Anerkennung und des Respekts überreicht. Jeder Einzelne steht voller Anspannung und Adrenalin kerzengerade. Die deutsche Nationalhymne ertönt. Ein Zeichen dafür, dass der schrille, ohrenbetäubende Ton aus der Trillerpfeife nur wenige Momente später ertönen wird.

Doch kein Zuschauer beschäftigt sich mit dem Gemütszustand der Spieler. Ein spannendes, abwechslungsreiches und torreiches Spiel soll geboten werden, wobei das Team, für das man sympathisiert, gewinnen soll. Was geht im Spieler vor sich? Wie hat er sich auf das Spiel selbst vorbereitet? Fragen über Fragen, mit denen sich kaum ein Zuschauer, der sich ein Spektakel voller Spannung und Emotionen wünscht, beschäftigt.

Drei Stunden vor Spielbeginn wird das Auto gestartet, die Anspannung steigt. Die Sachen sind gepackt und das vierrädrige Verkehrsmittel setzt sich in Bewegung. Im Kopf wird die Tasche noch einmal durchgegangen; hoffentlich wurde zu Hause nichts liegengelassen. Die Musik wird auf volle Lautstärke aufgedreht, denn die Aufregung soll doch nicht auffallen. Um die Nervosität und Anspannung zu verdrängen, werden einprägsame Lieder, die zum mitsingen animieren, gehört. Scherze, Witze, Albernheiten bestimmen den Weg zur Spielstätte, die von Ängsten, Befürchtungen und Verzweiflungen ablenken sollen. Das Ortsschild des gewünschten Ziels rückt immer näher, näher und näher. Das Fahrzeug ist nur noch wenige Meter vom gewünschten Ziel entfernt und damit steigt die Motivation. Das Adrenalin steigt im Körper. Ankunft! Die Sachen werden aus dem Auto geladen und der Weg zum Vereinsgelände wird angetreten. Man folgt den Beschriftungen und landet schließlich in der Umkleide. Alle Teamkollegen und das gesamte Trainerteam versammeln sich. Hektik bricht aus. Jeder einzelne Spieler schaut in seine gepackte Tasche und atmet erleichtert durch, denn die Spielerausrüstung ist komplett vorhanden. Die einheitlichen Trainingsanzüge werden angezogen. Von Anfang an als Team auftreten. Spätestens jetzt ist jeder einzelne Mitspieler voller Anspannung und völlig fokussiert auf das Spiel. Das Aufwärmen beginnt und damit verringert sich die Zeit bis zum Anpfiff. Im Rudel wird gelaufen, denn der Gegner soll wissen, dass WIR ein Team sind. Wenn man uns schlagen will, dann führt der Weg nur über das gesamte Team.

Jedoch wird auch das Warmmachen von Fragen beherrscht. Ist der Rasen genug gewässert, sodass der Ball die optimale Haftung hat? Ist jeder meiner Mitspieler topfit und bis in die Haarspitzen motiviert? Wissen alle, auch wirklich alle worum es geht? Den Einzug zur Deutschen Meisterschaft. Fragen bestimmen das Geschehen, doch die Fans kriegen davon gar nichts mit. Sie liegen noch im Bett oder frühstücken in Ruhe. Die einzigen Fragen, die Sie sich stellen sind: Esse ich heute Rührei oder lieber gekochte Eier? Trinke ich heute Tee, Kaffee, Wasser oder doch einen Saft? Am Liebsten einen Frischgepressten?

Zurück zum Aufwärmen. Die ersten Schweißtropfen fließen die Stirn entlang. Erst langsam, doch mit weiterer Anstrengung fließen sie schneller, schneller und immer schneller. Die Tropfen fließen ins Auge, sodass die Augen brennen. Mit dem T-Shirt wird der Schweiß aus dem Auge gerieben. Und wieder einmal mehr schwirren Fragen im Kopf. Ist mein Aufwärmtempo zu schnell? Verbrauche ich beim Warmmachen zu viele Reserven? Beanspruche ich auch wirklich jeden Muskel, sodass eine Verletzung verhindert werden kann? Wie wird der Gegner sich vorbereiten? Die Gedanken sind am Schwirren und der Zuschauer? Der Zuschauer erhält darüber keine Informationen. Alle Spieler kehren vom Laufen zurück und versammeln sich auf dem Vereinsgelände. Die durchgeschwitzten Spieler sehen bei der Ankunft wie ein Fischschwarm aus. Alle zusammen, eine Einheit. Sie formieren sich zu einem Kreis und strecken ihre Gliedmaßen. Beim genauen Beobachten quellen die Adern hervor. Das Blut wird im Eiltempo durch den Körper gepumpt. Jeder Muskel wird angespannt und wieder entspannt. Die Aufwärmphase neigt sich dem Ende zu und damit steigt das Adrenalin bis in die kleinste Haarwurzel. Nur noch eineinhalb Stunden bis zum Anpfiff. Der Gang in die Umkleide signalisiert, dass es gleich soweit ist.

Bei knapp 25 Grad  Celsius Außentemperatur wird die lange Hose und das lange atmungsaktive Shirt übergezogen, damit die Riemen der Rüstung nicht die Haut abschnüren und sich ins Gewebe fressen. Jede Lasche wird mehrmals festgezogen, damit die Schoner nicht verrutschen können. So eng wie möglich, denn die Angst vor einer Hockeykugel, die direkt auf die Haut trifft, ist riesig. Die Schoner sitzen so fest wie ein Korsett und bilden damit eine gepolsterte zweite Haut für den Hockeytorwart. Baumwollhandschuhe werden getragen, damit die Haftung zum Hockeyhandschuh am Optimalsten ist. Der Schweiß wird vom Baumwollhandschuh aufgenommen, sodass die Hand mit dem Handschuh eine Einheit bildet und durch die Flüssigkeit die Haftung nicht beeinflusst wird. Alle dreizehn Teile der Ausrüstung sitzen fest am Körper. Der Unterleibschutz wurde zehnmal kontrolliert, damit die Familienplanung behütet und geschützt bleibt. Die Hose wurde übergezogen und mit Hosenträgern am Brustpanzer befestigt. Die Schuhschoner und Schienbeinschoner werden eng an den Körper geschmiedet, damit die Beine und Füße all ihre Reaktionen eins zu eins übertragen können. Der Brustpanzer wurde übergestülpt und mit dem Trikot fest fixiert. Die letzten Rüstungsteile finden ihren Platz. Die Handschuhe und die Halskrause. Zum Schluss wird der Helm aufgesetzt und der Schläger in das dafür vorgesehene Loch im Handschuh geschoben. Die Rüstung sitzt so eng wie möglich am Körper. Ohne eine einzelne aktive Bewegung tropft der Schweiß. Bei einer Außentemperatur von 25 Grad Celsius beträgt die Temperatur in der Ausrüstung mindestens 32 Grad Celsius. Voll ausgestattet geht es Richtung Kunstrasenplatz, der nur noch 100 Meter entfernt ist. Nur noch 20 Meter und eine Treppe muss ich überwinden. Die Bewegung ist eingeschränkt und die Riemen scheuern in der Wade. Es fühlt sich an, als ob jemand mit Schmirgelpapier auf deiner Haut herumscheuert und durch die Wärme Verbrennungen erzeugt werden. Wärme, die bei 32 Grad Celsius in der Ausrüstung noch auffällt. Ein Fuß wird nach dem anderen auf die Stufe gestellt, sodass nach knapp zwei Minuten die Steintreppe überwunden wurde. Ich brauche das 12-fache der Zeit, um die Treppe zu überqueren. Endlich kann ich den Rasen betreten. Ich watsche mit meiner Ausrüstung wie eine gepolsterte Riesenente über das Feld Richtung Tor. Im Helm meine 2 Liter Getränkeflasche, die das wichtigste Utensil an diesem sonnigen, warmen Sommertag ist. Die wässrige, salzige Absonderung aus der Schweißdrüse fließt in Strömen  am Körper entlang. Doch bis dahin wurde noch nicht ein einziger Ball abgewehrt. Der Torwarttrainer begibt sich mit einem vollgepackten Rucksack, gefüllt mit lauter Hockeykugeln, auf den Weg zu mir. In der rechten Hand hält er eine etwas größere, schwarze Gummimatte mit einer unebenen Oberfläche. Die ersten Bälle werden gespielt. Ich spiele die Gummikugeln zuerst mit dem linken, dann mit dem rechten Schuhschoner zurück. Hochkonzentriert müssen die Bälle flach und genau in den Schläger des Trainers gespielt werden. Jede falsche Neigung des Fußes verleitet dem Ball die falsche Richtung und er verspringt. Nachdem die Füße eingespielt wurden, werden der Oberkörper und die Handschuhe mit Bällen beworfen. Die drückende Hitze und die brennenden Augen fordern den ganzen Körper zur Höchstleistung auf. Doch damit ist es nicht getan. Die schwarze Matte wird etwa fünf Meter vor dem Boden hingelegt. Bälle werden darauf geworfen und durch die unebene Oberfläche mit den Riefen verändert der Ball binnen wenigen Sekunden die Richtung. Links hechten, nach oben springen und ins rechte untere Eck mit dem Schläger abtauchen. Jede mögliche Abfälschung des Balls wird simuliert. Bei strahlendem Sonnenschein wird gesprungen, gehechtet, sich gestreckt.

So langsam treffen nach und nach die Zuschauer ein, die mit vollgestopften Mägen und Sonnenbrillen die Treppe hinaufsteigen. Leicht bekleidet und eingecremt wurde sich auf die Hitze eingestellt. Über den Torwart wird sich amüsiert, schließlich friert er nicht! Immer mehr Zuschauer betreten die Anlage und das Einspielen wird mit freundlichen Gesichtern vernommen. Der Trainer ruft alle zu sich. Dieses Zeichen kündigt den Start an. Die letzte Ansprache wird gehalten, die sich voll und ganz mit dem möglichen Ziel beschäftigt. Die harte Arbeit, der Schweiß, die Strapazen, der Kraftaufwand und die Kosten. Die Belohnung: Ein Sieg und der Einzug ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft. Wieder einmal rennen die Gedanken bei mir im Kreis, mitunter Ängste. Bloß kein Fehler, kein Patzer, sonst bist du der Depp der Nation, wie es im Fan-Jargon so schön heißt. Dann wäre all die Arbeit umsonst gewesen. Lass dich nicht ablenken und vertrau auf deine Stärken sagt dir deine innere Stimme. Lass dich von den Zuschauern nicht beeinflussen und gib deinen Kritikern Contra, indem du mit guter Leistung überzeugst, gibt sie dir als Rat mit auf den Weg. Bleib ruhig. Immer wachsam und fokussiert auf den Ball schauen. „Das wird schon“ redest du dir ein, um durch deine Körpersprache den Gegner zu verunsichern.

Die Einlaufmusik ertönt. Alle Spieler und auch Schiedsrichter laufen ein. Jeder einzelne Spieler wird beim Namen genannt und den Zuschauern vorgestellt. Die Wimpel jeder Mannschaft werden als Zeichen der Anerkennung und des Respekts überreicht. Jeder Einzelne steht voller Anspannung und Adrenalin kerzengerade. Die deutsche Nationalhymne ertönt.

Meine Gedanken während der Begrüßung:

Die Zuschauer wissen alles, und doch gar nichts.


Schlagworte: Hockey, Reportage

Artikelinformationen


Datum: 15. November 2015
Veröffentlicht von:
Autor: Louis Lambert


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