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Der Prophet des Cholismo

during the Club Atletico de Madrid press conference ahead of the UEFA Champions League Semi-Final First Leg between Club Atletico de Madrid and Bayern Meunchen at the Vincente Calderon on April 26, 2016 in Madrid, Spain.

Der FC Bayern steht am Dienstag im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Diego Simeones Atletico Madrid mit dem Rücken zur Wand. Der Argentinier ist alles andere als ein normaler Fußballlehrer.

Veröffentlicht am 02. Mai 2016 von

Das Rezept für den fußballerischen Erfolg von Diego Simeone ist ebenso kurios wie simpel. Um es seinen Spielern so einfach wie möglich zu machen, erfand er kurzerhand eine eigene Religion: Cholismo. „Simeone ist für uns, für alle im Klub, ein Gott. Würde er uns bitten, von einer Brücke zu springen, dann würden wir es tun“, sagte Atleticos Mittelfeldspieler Tiago einmal über seinen Trainer. Der Argentinier selbst gibt sich dabei bewusst die Rolle des Propheten: „Cholismo bedeutet einfach, dass man an den Erfolg glaubt, wie man an seinen Gott glaubt. Und von meinen Mitspielern und Spielern erwarte ich, dass sie mir in diesem Glauben folgen. Denn darum geht es beim Fußball.“

„Cholo“ wurde Simeone schon von einem Jugendtrainer getauft, im Ursprung eine abwertende Bezeichnung für Menschen indigener Abstammung. Schon mit 14 war er wie ein Dynamo: Wo er war, da war Reibung zu spüren. Dadurch nahm er seine Kraft, trieb seine Mannschaft immer weiter an. Seinen Coach erinnerte er damit an Carmelo Simeone – ein nicht mit Diego verwandter argentinischer Nationalspieler, der ebenfalls bei Velez Sarsfield groß wurde. Auch er war ein Hitzkopf, ein Arbeiter, der sich bei der WM 1966 in argentinische Herzen spielte. Spitzname: „Cholo“.

Simeone zog es mit 19 vom argentinischen Velez Sarsfield zum SC Pisa. „Mein Berater war im Ausland, meine Eltern im Urlaub“, erinnerte er sich einmal an den Zeitpunkt, als er das Angebot des Klubs bekam. Schon im jugendlichen Alter strotzte er vor Selbstbewusstsein: „Die Italiener wollten eine Entscheidung innerhalb von 40 Minuten. 39 Minuten saß ich da, dann rief ich in Pisa an und sagte zu.“ Damit machte er klar: Er hielt das Heft in der Hand. Und, damals wie heute, bewegte er sich so gerade im Rahmen des Erlaubten.

In der Nationalmannschaft Argentiniens kam Simeone auf 106 Einsätze, nur vier Spieler haben mehr auf dem Konto. Sinnbildlich für seine Art und Weise, immer am Limit der Legitimität, steht eine Szene bei der WM 1998. Demut gegenüber den größten Größen kannte El Cholo nicht: Im Spiel gegen England rannte er David Beckham über den Haufen und flüsterte dem am Boden liegenden Engländer noch ein paar nette Worte ins Ohr. Als Beckham daraufhin beim Aufstehen ein Bein ausfuhr, nahm Simeone die Einladung natürlich dankend an und fiel sehr theatralisch zu Boden. Er wusste schon immer genau, was er tat: Beckham sah Rot, Argentinien gewann – und Simeone gab seine bewusste Provokation Jahre später zu.

Für Atletico absolvierte der Mittelfeldspieler in insgesamt fünf Spielzeiten nicht einmal 100 Pflichtspiele. Bei weitem kein Wert, der beeindruckt – und doch hinterließ er einen bleibenden Eindruck bei der Anhängerschaft. „Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mannschaft verbessern“, redete er sich gekonnt in die Herzen der Fans des Arbeiterklubs. Der Prophet weiß, was er predigt, denn er hat lange Jahre selbst bis zum Umfallen gearbeitet.

Die Spieler kaufen ihm das ab. Vor allem gegen vermeintlich stärkere Gegner blüht Atletico seit seiner Ankunft regelrecht auf. Die Leidenschaft, der Kampf und der unbändige Wille sind seinen Spielern förmlich auf die Stirn geschrieben, gepaart mit seiner defensiven Grundordnung haben sich die Rojiblancos mittlerweile zu einer festen Größe in der Champions League entwickelt.

Der Champions-League-Höhepunkt unter Simeone war dabei zweifellos das Finale 2014. Mit Cholismo in Reinkultur kämpften sich die Madrilenen dabei über den FC Chelsea und den FC Barcelona ins Endspiel, das in dramatischer Art und Weise noch verloren wurde, nachdem Sergio Ramos den Stadtrivalen Real tief in der Nachspielzeit zurück ins Spiel brachte und eine Verlängerung erzwang. Unmittelbar nach Abpfiff stürmte El Cholo auf Schiedsrichter Björn Kuipers los, wild gestikulierend prangerte er die zusätzlichen fünf Minuten an. Nach dem 1:4 in der Verlängerung ging er Raphael Varane an – auf dem Platz, während des Spiels. Denn eins kann er gewiss nicht: Verlieren. „Ihr spielt keine Finals, ihr gewinnt sie“, predigte er seinen Spielern nämlich vorher – und wird seine Vorgabe nicht umgesetzt, explodiert der Vulkan.

Auch der Weg ins diesjährige Halbfinale ging nur über Simeones Tugenden. Nach einer 1:2-Niederlage im Hinspiel erkämpften sich seine Gotteskrieger ein 2:0 im heimischen Vicente Calderon und ließen dabei den katalanischen Trident um Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar zu keiner Sekunde zur Entfaltung kommen. Am Dienstag möchte Simeone die nächste Übermacht in die Knie zwingen – den FC Bayern. Dessen Sportvorstand Matthias Sammer beschrieb Atletico schon vor dem Hinspiel als „Leidenschaftsmonster“ – ein Begriff, der das Zeug zu Simeones Trademark hat. Beim 1:0-Sieg im Estadio Vicente Calderon waren seine Spieler den Münchnern nämlich vor allem mental weit überlegen. Selbst als die Kräfte nachließen gab es keinen Zweifel, dass die Madrilenen den Sieg unter allen Umständen mitnehmen wollten und sich dabei vollends auf ihre Passion verlassen konnten.

Wovon die Bayern vor dem Rückspiel allerdings zehren können, ist unter anderem das Champions-League-Achtelfinale, in dem Atletico den PSV Eindhoven vor der Brust hatte. Eine Offenbarung war es nämlich, dass auch diese Mannschaft sämtliche Tugenden vergessen kann – am Ende standen zwei schwache, torlose Unentschieden. Das Elfmeterschießen musste her. Simeone stand nach diesem stark in der Kritik, weil er während des Shootouts immer wieder die Anhänger anstachelte und somit versuchte, die Schützen des Gegners zu verunsichern. Schlechter Stil sei das, hieß es, unsportlich gegenüber des Underdogs.

Über all diese Vorwürfe kann und soll man diskutieren, aber in den Augen Simeones ist klar: Das war Cholismo. Das war sein Stil. Das war Diego Simeone. Denn er ist wie ein Dynamo, sucht ständig Reibung und treibt seine Mannschaft unbändig an.


Schlagworte: Atlético Madrid, Diego Simeone, FC Bayern, UEFA Champions League

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Datum: 02. Mai 2016
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