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Ein Leben für den Fußball

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Pünktlich um 15 Uhr finde ich mich zum Interviewtermin im Lokal „Schwarzer Kater“ in der Comeniusstraße ein. Mir gegenüber sitzt ein sympathischer Mann Anfang 70. Birger Till – seines Zeichens der älteste aktive Fußballer Braunschweigs.

Veröffentlicht am 27. August 2016 von

Im hohen Alter nochmal angreifen

(Braunschweig). „Mein ganzes Leben lang bin ich schon Fußballer“, eröffnet Birger Till. Der gebürtige Braunschweiger entdeckte schon früh seine Leidenschaft für den Sport mit dem runden Leder. 1952 begann er in der Knabenmannschaft der Freien Turner zu spielen. Man bescheinigte ihm schon damals sein großes Talent. „Der Junge verdient mal sein Geld mit Fußball“, haben die immer gesagt. „Höher als Kreisliga habe ich aber nie gespielt“, erzählt Till heute schmunzelnd. Über die Schülermannschaft ging es weiter in die A-Jugend der Braun-Weißen aus dem Prinzenpark. Doch weil die Aussicht auf einen Platz im Kader der 1. Herrenmannschaft verschwindend gering schienen, entschloss sich der gelernte Maurer zunächst seine Fußballstiefel an den Nagel zu hängen. Eines ist ihm aber aus seiner Zeit bei den Turnern besonders in Erinnerung geblieben: „Da war ein Schuhhändler Robert Brinkmann. Da konntest du die Fußballschuhe Wochenweise mit einer Mark abbezahlen. Das war ein Samariter. Die Schuhe gab es bald gratis für uns. Der Mann hat damals vielen geholfen.“ Auch sind die Freien Turner für ihn nach wie vor „einer der bestgeführten Vereine in Braunschweig“.

Die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz stellt für den heutigen Rentner ebenfalls eine besondere Reminiszenz dar. In Ermangelung eines Fernsehers verfolgte Birger Till das Spiel in der elterlichen Gartenlaube mit dem Radio. „Als Helmut Rahn kurz vor dem Ende den 3:2 Siegtreffer erzielte, warf ich aus lauter Begeisterung das Radio in die Luft. Das ging dann leider kaputt, aber Ärger gab es glaube ich keinen.“, erinnert sich Till heute sichtlich amüsiert.

1960 nahm er das Fußballspielen durch eine Wette wieder auf. „Ich und meine Freunde haben gesagt, dass wir uns alle Acosta anschließen.“ Doch der ehemalige Rechtsaußen hielt als einziger sein Wort und gewann so die Wette. Vorsitzender beim SC Acosta war seinerzeit Gustav Peinemann. Ein alt-internationaler Geher, der in den Farben der Braunschweiger Eintracht bundesweit Erfolge feierte. Er führte auch bei seinem neuen Verein eine Geh-Abteilung ein und bei einem Sportfest erkannte er die Begabung Tills: „Du bist viel zu schade für den Fußball. Du musst gehen.“ Und der Erfolg stellte sich schnell ein. Zuerst wurde er zweiter bei der Bezirksmeisterschaft, bevor es dann zu den ganz großen ging. „Dann hab ich 1965 in Duisburg Wedau bei der Deutschen Meisterschaft mitgemacht. Da war ich allerdings unter ferner liefen, weil ich so aufgeregt war. Links ein Weltmeister, rechts ein Olympiasieger. Ich wollte als erster aus dem Marathontor kommen, wegen der Fernsehübertragung, hab es aber nicht geschafft. Wenn ich nicht unter einer Stunde geblieben wäre hätten sie mich raus genommen. Das hab ich gerade so geschafft.“ lässt der frühere Leichtathlet dieses besondere Ereignis Revue passieren. Er stand unter den besten 30 Gehern Deutschlands in der Bestenliste und dennoch fand seine Karriere in der Leichtathletik ein jähes Ende erzählt Birger Till: „Wegen des Trainers hab ich dann aufgehört. Der machte mir Vorwürfe, dass ich nicht trainieren würde, obwohl ich 6 mal die Woche zu den Übungseinheiten erschien.

So widmete sich der ehemalige VW-Arbeiter wieder voll und ganz dem Fußball. Nicht nur aktiv, sondern auch als Anhänger von Eintracht Braunschweig. „Schon als kleiner Junge stand ich in der Nordkurve und auch beim ersten Bundesligaspiel gegen den SC Preußen Münster war ich im Stadion“ berichtet der Eintracht-Fan. Bei der Meisterschaft war er natürlich auch im Stadion. Auf einer Blechdose stehend verfolgte er das Spektakel im bis auf den letzten Platz gefüllten Eintracht-Stadion. „Danach haben wir natürlich einen getrunken und anderen Tag musste ich selber spielen. Da hab ich bei meinem Bruder im Sessel geschlafen, bin zu spät zum Treffpunkt gekommen und musste mich auch wieder auswechseln lasssen. Da ging es mir vielleicht schlecht.“, entsinnt sich Till an die rauschende Meisterfeier und die Folgen der langen Nacht.

Darüber hinaus weiß Birger Till vieles aus seiner eigenen Laufbahn zu berichten. Er erzählt von Lokalduellen auf dem Franz´schen Feld vor über 1000 Schaulustigen, merkt aber sogleich an, dass Rivalität bei ihm nie in Hass umschlagen würde und er die Leistung anderer genauso honoriere, wie die der eigenen Mannschaft. Er räsoniert über sandige Fußballplätze und, dass der Sport sich verändert habe. „ Das Spiel ist schneller und härter geworden.“ Die schönste Erinnerung ist aber nach wie vor der Pokalsieg gegen den TV Mascherode. „Wir haben gegen die nie gewonnen, aber das Pokalturnier haben wir gewonnen.“ schildert der Routinier nicht ohne stolz.

Er war es auch, der den Altherrenfußball bei Acosta wieder ins Leben rief. Im Jahr 2002 gründete er die zuvor abgemeldete Mannschaft neu. In einer Spielgemeinschaft mit dem Polizei SV bestand sie bis zur Fusion des Braunschweiger Sportclubs und des SC Acosta. Dort spielt Birger Till auch heute noch für die Seniorenmannschaft als Stürmer. Eigentlich möchte er lieber im Mittelfeld spielen sagt er: „Dort kann ich kreativer sein und die Bälle verteilen, aber sie lassen mich nicht. Die denken wohl, dass ich dann umfalle in meinem hohen Alter, Oder die Anderen wollen neben mir nicht schlecht aussehen (lacht).“ Die Reaktionen auf sein Alter fallen unterschiedlich aus. Einige belächeln den nach wie vor fitten 72-Jährigen, andere zollen ihm Respekt. „Ein Schiedsrichter fragte mich mal, wie ich noch so schnell sein kann. Da hab ich nur gelacht und gesagt: Schnell müde vielleicht.“, merkt Till selbstironisch an. Im Spiel gegen die Freien Turner nahm man den Stürmer sogar in doppelte Manndeckung, weswegen sich dieser genervt mit den Worten „ihr seid doch nicht ganz Reisefertig auswechseln ließ“. Zum familieninternen Duell wird es für Birger Till allerdings nicht mehr kommen. Sohn Sascha spielt in der Ü40 der Freien Turner. Allerdings lässt die Staffeleinteilung kein Kräftemessen zwischen Vater und Sohn zu. Zuletzt sah man den ältesten Feldspieler Braunscheigs dessen ungeachtet nicht mehr so häufig auf dem grünen Rasen. „ Ich hab jetzt schon lange nicht mehr trainiert. Nur zu Hause mit dem Ergometer. Vor ein paar Wochen hab ich versucht zu joggen. Über eine Stunde bin ich gelaufen. Da hab ich mich übernommen und bin zu Hause fast zusammengebrochen.“ In diesem Jahr feiert Birger Till seinen 73. Geburtstag. Ans Aufhören denkt er aber noch lange nicht. „Ich will im hohen Alter nochmal angreifen.“


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Datum: 27. August 2016
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