Logo

Das Nachrichtenportal für Sport

Handball

Eintracht Hildesheim – Vom Absteiger zum Spielverderber ?!

129021357

Eine Saison lang Daumen drücken, anfeuern und auf das bessere Ende für den favorisierten Verein hoffen. So geht es wohl vielen Fans, wenn sie sich Woche für Woche mit ihrem Verein solidarisieren. Doch was passiert, wenn eine Entscheidung getroffen wird, die ein ganzes Jahr mitfiebern in ein paar Minuten zunichte macht?

Veröffentlicht am 24. April 2016 von

(Hildesheim) Auf der Uhr laufen die letzten Sekunden ab. Das Schicksal beider Mannschaften ist besiegelt. In der Leipziger Arena bricht Jubel aus. Cheerleader, Band und DJ heizen der feierwütigen Menge ein, verbreiten eine einmalige Stimmung. Die Handballer des SC DHfK Leipzig feiern den Aufstieg in die höchste Spielklasse. Währenddessen verschwinden die Spieler der Eintracht aus Hildesheim mit hängenden Köpfen in der Kabine. Auch sie kennen das Gefühl des Aufstiegs, die Freude, zu den besten Deutschlands zu gehören. Spielten in der Saison 2010/11 selbst auf höchstem Niveau. Doch in diesem Moment könnte die Stimmung nicht schlechter sein, der Gegensatz nicht größer. Während die Leipziger den Aufstieg feiern, müssen sich die Hildesheimer in die 3.Liga verabschieden.

Ein „Abschied“, der sowohl Trainerstab als auch Fans wehmütig stimmt. Besonders Michael Qvist sieht dem Abstieg seiner Hildesheimer mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Lange Zeit war die Sparkassen-Arena in Hildesheim sein „Zuhause“. Die Pappelallee Nr.1 seine Anfahrtsstelle für die wöchentlichen Spiele. Doch vor der Saison wechselte der Däne nach Leipzig. Obwohl er sich mit Fans und Mitspielern auf das Abenteuer „1.Liga“ freut, schaut er seine Ex-Mannschaftskollegen betrübt hinterher. „Es tut mir Leid, dass sie absteigen müssen. Es ist sehr schade“.

Mit den Worten „Feiert schön“, verabschieden sich die Niedersachsen von der Heimmannschaft und der 2.Liga. Sie begeben sich auf eine Rückfahrt, die wohl allen Beteiligten Zeit zum Nachdenken lässt und die Möglichkeit, sich mit dem bevorstehenden Abstieg zu beschäftigen.

Vereint für die Rückkehr

Dieses Erlebnis ist mittlerweile Vergangenheit, die Handballer aus Hildesheim etabliert in Liga drei. Und bereits am ersten Spieltag wird deutlich: die Fans stehen auch in der 3.Liga hinter ihrer Mannschaft. Rund 1.500 Zuschauer strömen jeden Spieltag zur Spielstätte ihrer Mannschaft. Mit Fanartikeln der Grün-Weißen ausgestattet, stehen sie vor geschlossen Türen, warten auf Einlass. Kinder in Trikots ihrer Lieblingsspieler – Maurice Lungela, Lothar von Hermanni, Robin John. Erwachsene mit Eintracht-Schals. An der Kasse wird das Spielmagazin ausgegeben, mit Berichten rund um die Eintracht. Nach Spielbeginn treibt die Masse ihre Schützlinge an, fiebert dem ersten Punktgewinn entgegen. Motivationsgesänge schallen durch die Arena, bescheren Gänsehautmomente. Die lautstarke Anfeuerung des Fanclubs „Hölle 39″, die ihr „Lager“ direkt hinter dem Tor aufgeschlagen haben, geben der Eintracht Rückenwind. Die Bindung zwischen Mannschaft und Fans ist deutlich spürbar, die Mimik und Gestik bei Tor oder verpasster Chance spricht für sich. Man beobachtet eine Kulisse, die Eintracht zuletzt in Zweitligazeiten selten vorweisen konnte.

Eine durchwachsene Saison und eine zweite Chance

Mit dem Unentschieden und einem guten Auftakt gegen den Dessau-Roßlauer HV, scheint eine erfolgreiche Saison nicht ausgeschlossen – die Rückkehr in das Unterhaus kein Wunschgedanke. Doch die Hinrunde verläuft nicht wie erwartet, Eintracht knickt ein. Das Team von Trainer Gerald Oberbeck ist zur „Halbzeit“ Neunter, will sich mit Herz und Charakter zurück in den Aufstiegskampf drängen. Und das ausgegebene Ziel scheint realisierbar. Die Handballer der Eintracht verlieren in der Rückrunde nur ein Spiel, fahren zuletzt fünf Siege in Folge ein.

Alles hätte perfekt sein können: Kurz vor Ende der Saison gibt der VfL Fredenbeck in der 3. Liga West bekannt, das er auf den Aufstieg verzichtet. Es eröffnet sich eine Chance, die vor Allem den Hildesheimern in die Karten spielt. Durch den fehlenden Aufsteiger aus der West-Staffel bietet sich allen Zweitplatzierten aus den Drittliga-Staffeln Nord, Ost und Süd die Möglichkeit, ein Ticket für die 2.Liga zu ziehen. Die Einträchtler, vier Spieltage vor Schluss auf Rang vier, liegen nur drei Punkte hinter dem Zweiten. Und den direkten Konkurrenten, SC Magdeburg II und VfL Potsdam, blüht ein hartes Restprogramm. Beide müssen noch gegeneinander spielen und beim Spitzenreiter Dessau-Roßlauer HV antreten. Eine schwere Aufgabe, die Eintracht bereits mit Bravour gemeistert hat. Für die Hildesheimer folglich eine perfekte Ausgangssituation. Viele Fans sprechen von einer Wendung des Schicksals, einer zweiten Chance.

Aufstieg adé

Doch während den letzten Spielen der Saison, verbreitet sich eine bedrückte Stimmung unter dem Heimpublikum. Trainer und Manager Gerald Oberbeck verkündet: „Wir haben das Team für die Aufstiegsrunde nicht gemeldet“. Der Traditionsverein wird an einer möglichen Relegation nicht teilnehmen. Eine Entscheidung, die bei vielen Fans auf Unverständnis stößt. Besonders, da Oberbecks Devise nach dem Abstieg 2015 war, schnellstmöglich wieder aufzusteigen.

Thomas L. begleitet die Mannschaft nun seit zehn Jahren. Er hat Höhen und Tiefen miterlebt, Tränen vergossen und gejubelt. Bei jedem Heimspiel der Mannschaft sitzt er auf seinem angestammten Platz, Bier in der Hand, drückt die Daumen und fiebert einem Sieg entgegen. Auch nach dieser langen Zeit ist es für ihn noch emotional, die Atmosphäre vor Ort mitzuerleben. Natürlich hätte er sich gefreut, wäre seine Mannschaft aufgestiegen. Doch er versteht, warum sich die Verantwortlichen für diesen Schritt entschieden haben. „Natürlich ist es auch für Trainer und Vorstand nicht einfach, solch eine Entscheidung zu treffen. Besonders, wenn eine letzte Hoffnung noch besteht.“ Die Gründe, seien sie finanzieller, qualitativer oder organisatorischer Art, haben für ihn kaum Bedeutung. Wichtig erscheint es ihm, dass die Leistung stimmt, mehr Handballbegeisterte die Halle fluten. Der seitens Oberbeck aufgestellten These, dass ein trostloses Jahr im Tabellenkeller der zweiten Liga vieles kaputt machen würde, die verbliebenen Fans vergraulen könnte, kann er nur zustimmen.

Doch auch wenn er sich optimistisch zeigt, versteht er diejenigen, die nach der Verkündung ihre Enttäuschung nicht verbergen konnten. Traurige Gesichter und hängende Schultern, wütende Gesichtsausdrücke, Buh-Rufe. „Da fiebert man eine ganze Saison mit, hofft, dass das Team ganz oben mitspielt, und wird dann kurz vor Ende auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Das kann eine gewaltige Enttäuschung darstellen. Auch, wenn man dem Statement „Wir wollen keine Fahrstuhlmannschaft sein“, insgeheim natürlich zustimmen würde. Man merkt, dass die Kinder in der Arena die Situation noch nicht verstehen, sind sie doch eigentlich da, um ihren Vorbildern nahe zu sein. Sie kümmern sich nicht um team-interne Belange, Probleme, die ihre Begeisterung in Sachen Handball nicht einschränken. Es sind die Erwachsenen, Jugendlichen, die eine solche Entscheidung nicht unterstützen. Der erste Schock ist groß, doch auch der wird sich legen. Spätestens, wenn die neue Saison beginnt, die Halle sich zum wiederholten Male füllt, und Eintracht das Unterfangen „Aufstieg“ aufs Neue anpeilt.


Schlagworte: 3. Liga Nord, Dessau-Roßlauer HV, Eintracht Hildesheim, Gerald Oberbeck, Handball, Relegation

Artikelinformationen


Datum: 24. April 2016
Veröffentlicht von:
Autor: Marie-Sophie Zieseniß


Teilen & Versenden


Auf teilen
Auf teilen

Kurzlink: bit.ly/1DASnWi