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Fußball

Gemeinsam gegen den Abstieg

Hannover 96

Tabellenplatz 17. Nur drei Zähler Vorsprung auf Tabellenschlusslicht VfB Stuttgart. Keinen einzigen Sieg in der Rückrunde, dafür sechs Unentschieden und acht Niederlagen. Das ist die ernüchternde Bilanz von Hannover 96, die seit der Saison 2002/2003 im Ligaoberhaus spielen. Trainerwechsel, Unmut in der Mannschaft und die fehlende Unterstützung der Fans sind mögliche Folgen, aber auch Ursachen für den Sprung in den Tabellenkeller.

Veröffentlicht am 07. Mai 2015 von

Der Traum von Europa ist ausgeträumt, Abstiegskampf ist angesagt

Der Abstiegskampf ist so spannend wie nie zuvor und die Niedersachsen sind mittendrin. Da die Abstiegskandidaten in ihrem Restprogramm noch untereinander spielen, ist eine Vorhersage für die mögliche Punkteausbeute, die für den Nichtabstieg reichen würde, unmöglich. In den nächsten drei Bundesligaspielen geht es also um den Verbleib in der höchsten Spielklasse des Fußballs in Deutschland. Im kommenden Heimspiel gegen den Nachbarn aus Bremen sollen die Weichen für einen Nichtabstieg gestellt werden. Danach ein Auswärtsspiel beim Europaleague-Aspiranten aus Augsburg und zum Schluss wieder ein Heimspiel gegen die direkte Konkurrenz aus Freiburg. Der SC Freiburg, unter der Regie von Christian Streich, hat ebenfalls 30 Punkte wie die Niedersachsen, steht aufgrund des besseren Torverhältnisses allerdings auf dem Relegationsplatz. Demzufolge hat es Hannover 96 in der eigenen Hand und muss nicht auf die Ergebnisse auf den anderen Plätzen hoffen.

Das Hannover 96 in der aktuellen Saison noch etwas mit dem Abstiegskampf zu tun hätte, hat kaum Einer für möglich gehalten. Nach der Hinrunde stand 96 auf dem achten Tabellenplatz, nur vier Punkte Rückstand auf den dritten Tabellenplatz. Das Träumen von Europa hatte Priorität, die Erwartungen waren hoch. Doch alles kam anders als gedacht, sodass zurzeit keiner an Europa denken möchte, stattdessen wünschen sich die Fans und Sympathisanten von Hannover 96 nichts lieber als den Nichtabstieg. Wie wichtig dieser Verbleib in der 1. Fußballbundesliga ist, zeigt das Zitat von Martin Kind, dem Präsidenten von Hannover 96: „Der Nicht-Abstieg steht über allem!“ Für dieses Ziel wurde nach der 4:0 Auswärtsniederlage in Leverkusen der Trainer Tayfun Korkut entlassen. Nur wenige Stunden nach der Beurlaubung Korkuts wurde Michael Frontzeck als neuer Trainer der Niedersachsen vorgestellt, der in fünf Spielen die Hannoveraner vor dem Abstieg bewahren soll.

Das Trainerdebüt um Frontzeck und seinem Trainerstab, bestehend aus den Co-Trainern Jan-Moritz Lichte und 96-Legende Steven Cherundolo, in Hoffenheim war vielversprechend, brachte dennoch nichts Zählbares ein. Eine bittere 1:2 Niederlage überschattete das Debüt des neuen Trainers, der keine automatische Verlängerung seines Vertrags beim Nichtabstieg erhalten hat. Nach dem verpatzen Debüt stand das Niedersachsenderby gegen den VfL Wolfsburg auf dem Programm, der derzeitig als Tabellenzweiter die 1. Fußballbundesliga aufmischt. Die guten Vorsätze der Mannschaft schienen nach der ersten Hälfte des Spiels zu platzen, als ein 2:0 Rückstand aus Hannoveraner Sicht zu Buche stand. Nach der Pause spielten die Niedersachsen wie entfesselt auf und erzielten in der 47. Minute durch einen Kopfball von Jimmy Briand, der erst zur Halbzeit eingewechselt wurde, den Anschlusstreffer. Nur 10 Minuten später erzielte Salif Sané durch einen Fallrückzieher den 2:2 Ausgleich. Der VfL Wolfsburg suchte zwar in der zweiten Halbzeit weiter ihre Chancen, doch mangelte es an Präzision. Die Folge war, dass sich Hannover 96 zwei hochprozentige Torchancen zur Führung erarbeitete, diese allerdings nicht im Tor untergebracht werden konnten. Somit endete das Niedersachsenderby 2:2 unentschieden, in dem für 96 mehr drin gewesen wäre, allerdings aufgrund der schlechten ersten Halbzeit war der Punktefolg auch ein Gewinn für die Roten. Nach einem 0:2 Rückstand in Wolfsburg zur Halbzeit, sich zum 2:2 Unentschieden mit Option auf den Siegtreffer zurück zu kämpfen, zeugt von Willenskraft und Teamgeist. Dabei spielen der Trainerwechsel und die neuen Methoden eine entscheidende und wichtige Rolle.

 

Neues Trainergespann sorgt für einen immens wichtigen Motivationsschub

 

Frontzeck ist als Mentalcoach gefragt und gilt als Hoffnungsträger für Hannover 96. Beim ersten Training lobte Frontzeck die Stimmung des Teams und die Arbeit seines Vorgängers. Außerdem stimme die Fitness. Doch wenn es weder an der Stimmung, noch an der Fitness liegt, woran liegt es dann? Was sind die Gründe für den rapiden Sprung in den Tabellenkeller?

Beim genauen Betrachten der Spieler wird allerdings sehr schnell deutlich, dass die Mannschaft stark verunsichert ist und daraus das mangelnde Selbstbewusstsein resultiert. Deshalb will der 96-Trainer mit einem Mix und einer „harter Hand“ die Probleme beheben und betont: „Die Spieler sollen sich mal den Hintern aufreißen.“ Um die Verunsicherung abzubauen, spricht der Trainer sehr viel mit seinen Spielern, die dadurch einen Motivationsschub bekommen. Mit seiner ruhigen, unaufgeregten, aber auch distanzierten Art im Vergleich zu Korkut, scheint der neue Trainer der richtige Mann für Hannover 96 im Abstiegskampf zu sein. Wenn jeder Spieler sein Ego hinten anstellt und sich der Wichtigkeit für den Verein Hannover 96 bewusst wird, dabei trotzdem in der schwierigen Situation die Nerven behält, dann ist sich Frontzeck um den Verbleib der Niedersachsen in der 1. Bundesliga sicher.

Ein weiteres Erfolgsrezept ist für den Coach die gegenseitige Achtung. „Nicht alle müssen einander grün sein und jeden Abend zusammen weggehen. Aber ich erwarte Respekt. Respekt klingt wie ‚der kleinste gemeinsame Nenner‘. Wie soll eine Gruppe mit all ihren Charakteren denn sonst funktionieren?“

All die Dinge, die für Michael Frontzeck im Abstiegskampf zählen, verkörpert er selbst: Ruhe, Gelassenheit, Respekt und Verständnis.

 

Die Situation innerhalb der Mannschaft

 

Hannover 96 ist dem Abstieg so nah wie lange nicht mehr und die Mannschaft taumelt immer mehr in Richtung 2. Bundesliga. Alles nahm seinen Lauf mit Beginn der Rückrunde, die Fans können nur noch hoffen, dass die Saison nicht auf einem Abstiegsplatz beendet wird, doch es stellt sich die Frage, ob der Abstiegskampf auch wirklich bei allen Spielern vor den letzten drei Partien endgültig angenommen wird. Die teuren Neuzugänge wie Joselu oder Hiroshi Kiyotake tun sich zunehmend schwer im Abstiegskampf, während andere Moral beweisen. Das beste Beispiel hierfür ist das ehemalige Sorgenkind Salif Sané, das unter Korkut ausgemustert und in die U23 verbannt wurde, sich jedoch in die erste Mannschaft zurückkämpfte. Zu Korkuts Zeiten kam es laut der Sport-Bild noch zu einer Prügelei zwischen Sané und Marcelo, allerdings blieb diese für den Senegalesen ohne Folgen aufgrund der prekären Lage des Vereins. Gerade durch den Trainerwechsel wirkt der 24-jährige befreiter und noch entschlossener, wie es auch sein Ausgleichtreffer in Wolfsburg zeigte. Der einstige Problemspieler wächst zunehmend in die Rolle des Hoffnungsträgers hinein.

Auch Jimmy Briand zeigte sich wie ausgewechselt in Wolfsburg als er in der zweiten Halbzeit für den schwachen Joselu eingewechselt wurde und in der Sturmspitze den Anschlusstreffer für die Roten erzielte. Auch der Franzose war in aller Regelmäßigkeit herber Kritik ausgesetzt, da er in fast jedem Spiel von Beginn an eingesetzt wurde, doch selten Akzente setzen konnte. Für die 96-Fans bleibt zu hoffen, dass er auch in den letzten drei Saisonspielen eine ähnliche Leistung abrufen kann wie in Wolfsburg. Können andere Spieler die kaum eine Rolle spielen oder regelmäßig schlechte Leistungen auf dem Platz bringen den Roten noch einmal Schwung verleihen? Die Rede ist beispielsweise neben Jimmy Briand von Ceyhun Gülselam, Miiko Albornoz, Marius Stankevicius und Joao Pereira. Nur letzterer soll sich laut Informationen der HAZ im Training als Alternative zu Hiroki Sakai angeboten haben, für das so wichtige Heimspiel gegen Werder Bremen. Ansonsten wirkt es eher unwahrscheinlich, dass einer der Neuverpflichtungen noch eine bedeutende Rolle in den letzten drei Partien spielen wird. Die entscheidenden Säulen der Mannschaft sind derzeit Salif Sané, Torwart Ron-Robert Zieler und Kapitän Lars Stindl, der zum Ende der Saison nach Gladbach wechselt.

Die Mannschaft hat realisiert, dass sie kurz vor dem Abstieg steht. Erkennbar war dies schon bei Frontzecks Debüt, als auch die Ultras ins Stadion zurückkehrten. Zwar unterlag Hannover der TSG 1899 Hoffenheim mit 1:2, doch die Mannschaft präsentierte sich äußerst geschlossen und kampfbereit. Ein Effekt des Trainerwechsels? Auf die Frage, was Frontzeck und Korkut voneinander unterscheidet, erklärte Edgar Prib in einem Video auf der Facebookseite ‚‚Hannover 96 News‘‘, dass Frontzeck wieder Ruhe reinbringe, Souveränität ausstrahle, der Mannschaft Mut mache und Vertrauen gäbe, dies sei ein bisschen anders als unter Korkut. Von einigen Fans wurde diese Aussage in den sozialen Netzwerken als ein Affront gesehen, doch gleichzeitig zeigt es auch, dass die Mannschaft vom Trainerwechsel überzeugt ist, oder zumindest Prib, der unter Korkut keine tragende Rolle einnehmen konnte.

 

Trainingslager soll zur Rettung beitragen

 

Wie bereits im vergangenen Jahr soll auch in diesem Jahr durch ein Kurztrainingslager der drohende Abstieg abgewendet werden. Damals holte 96 aus den letzten fünf Spielen 13 Punkte. Dies soll erneut gelingen allerdings ist die Situation in dieser Saison noch prekärer, da nun nur noch drei Spiele übrig sind, um das Ziel Klassenerhalt zu erreichen. Das Trainingslager im Hotel ‚‚Klosterpforte‘‘ im ostwestfälischen Harsewinkel-Marienfeld soll die endgültige Wende bringen. „Wir können dort in Ruhe arbeiten, haben auch die Zeit für viele Gespräche und können uns gemeinsam sehr konzentriert auf unser wichtiges Heimspiel gegen Bremen vorbereiten“, betonte Michael Frontzeck. Nach 15 sieglosen Spielen ist ein Sieg essenziell. Auch 96-Präsident Martin Kind betont den hohen Stellenwert der kommenden Begegnung und erklärte: ‚‚Das Nordduell sollten und müssen wir gewinnen. ‘‘ Auch die Spieler scheinen dies endgültig realisiert zu haben. Während der Winterneuzugang Joao Pereira im Trainingslager überzeugte, steckt Stürmer Joselu weiterhin in der Krise und kann auch innerhalb des Trainings seine Qualitäten nicht unter Beweis stellen. Ob der Spanier am Wochenende wieder von Anfang an ran darf bleibt somit mehr als fraglich. Da die Mannschaft sich von Dienstag bis Donnerstag im Trainingslager befindet, werden weitere Informationen erst am Freitag auf der Pressekonferenz über den aktuellen Stand der Mannschaft vor dem Heimspiel gegen Bremen bekannt gegeben. Somit bleibt es noch abzuwarten, wer im Trainingslager überzeugen konnte und wer nicht.

 

Atmosphäre im Stadion

 

Mit großer Wahrscheinlichkeit darf sich Hannover 96 im wichtigen Nordduell auf die Unterstützung der aktiven Fanszene verlassen. Wie schon gegen die TSG 1899 Hoffenheim vor knapp zwei Wochen spielt zwar die U23 vor den Profis, doch die Ultras werden wohl nach dem U23-Spiel vom Beekestadion aus weiter zur HDI-Arena ziehen. Die Ultras betonten trotz beigelegtem Streit gegen die Vereinsführung von Hannover 96 zwar, dass sie die Profimannschaft der Niedersachsen nach dem Boykott, der fast die ganze Saison anhielt, wieder unterstützen werden, jedoch stehe die U23 im Vordergrund, da man diesen zugesichert habe, sie zumindest eine Saison lang zu unterstützen. Allerdings findet das Spiel der U23 gegen den Goslarer SC um 13 Uhr statt, so werden die 96-Ultras es wohl gerade rechtzeitig oder kurz nach Anpfiff ins Stadion schaffen.

Grund für den Boykott war ein Dauerkonflikt, der schon vor mehreren Jahren zwischen der aktiven Fanszene und der Vereinsführung begann, insbesondere durch die Person des Klubpräsidenten Martin Kind. Die Vereinsführung nahm den Ultras besonders den Umgang mit Pyrotechnik übel, während die Ultras Martin Kind vorwerfen, dass er den Verein wie ein Wirtschaftsunternehmen führe und nicht wie einen traditionsreichen Fußballklub. In der vergangenen Saison im Spiel gegen Eintracht Braunschweig wurde über die gesamten 90 Minuten Pyrotechnik gezündet. Der Dauerkonflikt kochte jedoch erst über, als der Klub Tickets für das Rückspiel in Braunschweig auf Empfehlung des Innenministeriums und der Polizei nur in Verbindung mit einer organisierten Busreise ausgab. Da sich viele der Fans in ihrer Reisefreiheit stark eingeschränkt fühlten, zogen einige Karteninhaber sogar gegen den Klub vor Gericht. Erst in dieser Saison gestand der Verein Fehler in dieser Angelegenheit ein, doch erst nach einem offenen Brief, der erneut für großen Diskussionsstoff sorgte, da dieser leicht missinterpretiert werden konnte. So verstanden viele Anhänger den Inhalt des Briefes der Vereinsführung so, dass man die alte aktive Fanszene nicht benötige und sich neue Fans finden lassen würden. Den Ultras wurden in mehreren persönlichen Gesprächen Zugeständnisse gemacht, sodass sie wieder in ihre alten Blöcke im Oberrang der Nordtribüne dürfen. Des Weiteren wurden kritische Spruchbänder erlaubt und der Klub setzte zudem sieben Stadionverbote aus.

Jetzt unterstützen die Ultras zwar die Profis wieder in den letzten beiden wichtigen Heimspielen gegen den Abstieg, doch der Konflikt ist noch längst nicht beiseitegelegt. Weiterhin bleibt abzuwarten in wie weit sich das Verhältnis zwischen Ultras und 96-Präsident Martin Kind weiterentwickelt.

 

Autoren: Louis Lambert & Timon Messerschmidt


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Datum: 07. Mai 2015
Veröffentlicht von:
Autor: Timon Messerschmidt


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