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Markus Rehm – Ein Kämpfer mit Prothese

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Ehrgeiz, Sturheit und Optimismus braucht man, um nach einem Unfall zurück in den Alltag zu finden. Bei Markus Rehm, dem deutschen Leichtathleten des TSV Bayer 04 Leverkusen, waren alle Eigenschaften mindestens doppelt ausgeprägt. Anders könnte man sich den Sprung an die Weltspitze, nach der Amputation seines rechten Unterschenkels, kaum erklären. Und das, obwohl ein solches Leben und überhaupt der Sport für den damals 14-Jährigen noch schier unmöglich und unerreichbar schien. Im Weitsprung fehlt ihm nahezu die Konkurrenz und auch über 100 Meter ist Rehm einer der Besten.

Veröffentlicht am 15. November 2016 von

(Banteln) Jung, dynamisch, gutaussehend und immer ein Lächeln auf den Lippen. So kennt man Markus Rehm nicht nur in seiner Heimat Göppingen, sondern auch bei Wettkämpfen vor zahlreichem Publikum. Doch schnell erkennt man auch, dass am 28-Jährigen nicht alles ganz „normal“ ist. Viele Blicke, wie beispielsweise von den Zuschauertribünen, zieht immer wieder seine Karbonprothese an. Doch ohne diesen Hingucker, wäre Rehm nicht da, wo er heute ist. Behindert fühlt sich der junge Athlet, der seit 2008 beim TSV Bayer 04 Leverkusen aktiv ist, trotz seines fehlenden rechten Unterschenkels nicht. Doch was geschah überhaupt, dass Spitzensportler Rehm seit seinem vierzehnten Lebensjahr auf eine Unterschenkelprothese angewiesen ist?

Der Unfall: Nur ein Ereignis im Leben des jungen Markus

Es war der 10. August 2003, als dem damals 14-jährigen Markus Rehm beim Wakeboarden ein Bootsmotor seinen rechten Unterschenkel zerriss. Auf dem Main fuhr Rehm kurz vor dem Abendessen noch eine Runde Wakeboard. Bei einem missglückten Sprungversuch von einer Welle zur nächsten musste der gebürtige Göppinger seinen Griff von der Zugleine lassen und tauchte unter. Seine Beine gerieten mitsamt dem Board in die Schiffsschraube eines Boots, welches zu dieser Zeit auch auf dem Main unterwegs gewesen war und den Jungen übersehen hatte. Alle verzweifelten Versuche Rehms, sich unter Wasser vom Boot fernzuhalten, scheiterten. Die Ärzte der Universitätsklinik in Würzburg, in der der junge Rehm nach seinem Unfall eingeliefert wurde, kämpften für den Erhalt seiner Beine. Doch nach drei Tagen war es traurige Gewissheit, als Rehms rechtes Bein – in Folge einer Blutvergiftung – amputiert werden musste. Sechs Wochen verbrachte der begeisterte Wakeboarder in der Klinik, bevor er anschließend weitere fünf Wochen, 190 Kilometer entfernt von zu Hause, in der Reha in Bad Staffelstein seine ersten Laufversuche mit einer Prothese unternahm. Die Situation war für den 14 Jahre alten Markus Rehm nicht leicht. Vor allem seine Familie, Freunde und auch Mitschüler brachten ihn in dieser schwierigen Zeit immer wieder auf andere Gedanken, was ihm auf dem Weg zurück in den Alltag zugunsten kam. Gedanken, ob er überhaupt noch einmal wieder Sport treiben könne oder wie es wohl weitergeht, schwirrten zu dieser Zeit vermehrt in seinem Kopf.

Ein Jahr später, im Sommer 2004, bekam Rehm durch seine erste wasserfeste Prothese die Chance, erneut den Sport des Wakeboardens auszuüben. Da er aber nicht allzu oft die Gelegenheit hatte, auf dem Wasser zu boarden, übte er die Bewegungsabläufe der Sprünge zusätzlich auf dem Trampolin, bis er 2005 einen Rückwärtssalto (im Wakeboarden auch „Tantrum“ genannt) auf dem Wasser stand. Ein erstes Erfolgserlebnis, was ihn zurück auf seine sportliche Laufbahn brachte. Denn die zweite Hälfte seines bisherigen Lebens verbrachte der heute 28 Jahre alte Markus Rehm damit, ein Spitzensportler zu werden, der weiter als fast alle Menschen auf der Erde springt. Für den gebürtigen Göppinger ist der Unfall ganz und gar kein Schicksalsschlag. Nein, wohl eher ein Lebensereignis. Denn Rehm sieht die Amputation seines rechten Unterschenkels anders. Wie viele Menschen ihre erste große Liebe, einen Umzug oder auch einen Jobwechsel ansehen, so sieht der 28-Jährige seinen Unfall an. Auf seiner Homepage schreibt er groß: „Ich lasse mich nicht behindern“. Es zeigt, was für ein einzigartiger Kämpfer der 28-Jährige ist und was er trotz seiner Amputation leisten kann und will. Dies zeigt auch seine sportliche Karriere, die ihn heutzutage zum besten deutschen Weitspringer gemacht hat. Doch ist Rehm trotz oder gerade wegen seiner Behinderung der beste Weitspringer Deutschlands?

Die Verwandlung hin zu einem außergewöhnlichen Sportler

Markus Rehm will etwas Menschliches. Er will auf seinen eigenen Beinen stehen. Dafür rüstet er seinen Körper tagtäglich bis ins Übermenschliche auf und wird dabei auch zu einem Freak, der allerhöchste sportliche Leistungen abrufen kann. Eine Stunde vor dem Wettkampf zieht sich der Athlet vom TSV Bayer 04 Leverkusen an einen Ort zurück, an dem ihm niemand seinen Blick aufdringen könnte, um seine „Verwandlung“ durchzuführen. Dies geschieht entweder in der Umkleidekabine, einem abgelegenen Winkel des Stadions oder einer Stelle an der Außenlinie des Sportplatzes, an dem ihn nur die Natur betrachten kann. Wenn man dann nicht die tobenden Zuschauer im Stadion hören würde, könnte man den Eindruck bekommen, dass Rehm ein stinknormaler Spaziergänger wäre, der einfach nur auf dem Rasen sitzt.

Dann holt er eine Art Bumerang in Übergröße aus einer Tasche hervor, die von der Größe her einem Tennisschläger ähnelt. Hier drin transportiert der 28-Jährige sein Verwandlungsstück, mit welchem er seinen Sport ausübt. Er behandelt es, als wäre es sein eigenes Fleisch und Blut. Für einen winzigen Augenblick entblößt er das, was noch von seinem rechten Bein übrig ist und zieht einen schwarzen Strumpf hinüber. Nun wird es ernst und Rehm fügt das bumerangähnliche Ding an sein Bein, fixiert es und steht auf. Mit seiner Sportprothese sprintet, hüpft, trabt oder trippelt er genauso wie die anderen Leichtathleten auch. Auf dem Sportplatz in Leverkusen trainiert der 28-Jährige tagtäglich zwischen den anderen muskelbepackten und zweibeinigen Sportlern. Für Rehm ist dies ganz normal und er sieht sich auf derselben Ebene wie die anderen.

Einer der ganz Großen

Tagtäglich spult der Athlet vom TSV seinen Ablauf immer und immer wieder von vorne ab. Rehm befindet sich auf der roten Anlaufbahn. Er sieht die 9 mal 2,75 Meter große Grube vor sich, geht in seine Startposition und rennt los. Er spürt die brennenden Augen der zahlreichen Zuschauer auf seiner Haut, die nur darauf warten, dass er wieder einmal zu einem Helden mit Prothese wird. Der weiße Absprungbalken kommt immer näher. Rehm konzentriert sich auf diesen blitzschnellen Moment, den Absprung nicht zu verpassen, um ihn millimetergenau zu erwischen und möglichst weit hinten in der Grube im Sand zu landen. Dann ist es so weit. Der gebürtige Göppinger springt mit aller Kraft seines rechten Beins vom Brett ab und bereitet sich im Flug auf die Landung vor, die er nur wenige Sekunden später in den Sand setzt. Doch nicht wie üblich bedeutet dies etwas Negatives. Der Weitspringer ist in der Sandgrube zu einer neuen Bestweite gesprungen und zeigt allen, dass er trotz Karbonprothese Weiten springen kann, die sonst nur die zweibeinigen Superstars erreichen. Doch Markus Rehm gehört zu den ganz Großen. Der 28-jährige Athlet des TSV Bayer 04 Leverkusen ist bekannt für seine weiten Sprünge in den Sand.

Bei Wettkämpfen geht Rehm aber nicht nur im Weitsprung an den Start. Seine Sprintfähigkeiten über 100 Meter stellt der gebürtige Göppinger immer wieder einzeln und in der Staffel unter Beweis. Doch seine Paradedisziplin ist der Sprung ins Weite. Mit 8,40 Metern (IPC Weltmeisterschaft 2015 in Doha) hält der deutsche Leichtathlet den Weltrekord im Weitsprung und könnte so auch bei Wettkämpfen der Nichtbehinderten locker mitmischen und im Kampf um die Medaillen mitwirken. An guten Tagen ist Markus Rehm sogar besser als jeder Zweibeinige. Nicht nur deshalb ist es sein Traum, einmal bei den Olympischen Spielen für nichtbehinderte Menschen teilzunehmen. Jahrelang kämpft der heute 27-Jährige für diesen Wunsch, den er sich so gerne in diesem Jahr erfüllt hätte.

Der lange Kampf um Inklusion und Gleichberechtigung

Rehm ist dafür bekannt, trotz seiner Prothese nie aufzugeben und sich etwas Spezielles und Außergewöhnliches in den Kopf zu setzen. Als bestes Beispiel wird oft sein Wunsch genannt, einmal bei den Olympischen Spielen zu starten. Seit Monaten, wenn nicht sogar Jahren kämpft der Athlet vom TSV Bayer 04 Leverkusen darum, eine Antwort zu bekommen, die ihm die Welt der Leichtathletik schuldet. Doch die Antwort war negativ und Markus Rehm durfte sich seinen Traum in diesem Jahr noch nicht erfüllen. Der Weltverband IAAF schreibt durch sein Regelwerk vor, sofern ein Athlet Hilfsmittel nutzt, die ihm einen Vorteil verschaffen, verbiete man ihm den Start bei den Titelkämpfen. Dem deutschen Leichtathleten wurde also von der IAAF ein Riegel vorgeschoben. Rehm schrieb auf seinem Facebook-Kanal hierzu folgendes: „“Brücken bauen, nicht einreißen“, das ist mein heutiges Fazit einer kurzen aber konstruktiven Reise nach Monaco! Zeitlich und politisch komplizierte Abläufe machen einen Start bei den Olympischen Spielen in Rio leider nicht mehr möglich…aber wir sind einen wichtigen Schritt weiter und es gibt zukünftig eine enge Zusammenarbeit mit dem IAAF. Das Ziel: Eine Teilnahme bei den Weltmeisterschaften 2017 in London! Dazu bin ich nun Mitglied der offiziellen Arbeitsgruppe und ich hoffe auf eine ehrliche und respektvolle Zusammenarbeit! Nichts desto trotz, nach Rio geht es definitiv und bei den Paralympics wird dann gerockt!!! “.

Von seinem Weg lässt sich der deutsche Weltrekordhalter also nicht abbringen. Sein Ziel ist es nun, ihm und anderen Sportlern die Teilnahme an der WM in London zu ermöglichen. Der gebürtige Göppinger ist zuversichtlich, dass sein Kampf bald von Erfolg gekrönt sein könnte, denn er selbst schloss sich einer Arbeitsgruppe an, die inzwischen von der IAAF ins Leben gerufen wurde. Bereits in ersten Gesprächen wurden „viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt“. Zusammen mit dem Weltverband will der deutsche Weltrekordhalter bei Regeländerungen mitwirken, um in Zukunft auch körperlich benachteiligten Sportlern eine Teilnahme an Weltmeisterschaften zu ermöglichen. „Wir haben gemerkt, dass unsere Meinungen nicht so weit entfernt sind“, gibt Rehm über die ersten positiven Erkenntnisse bekannt. Der Weltverband habe erkannt, „dass da eine Riesenchance dahintersteckt“. Dem Deutschen geht es dabei nicht darum, „Medaillen zu gewinnen, sondern unseren Sport auf eine breitere Plattform zu stellen und einer größeren Menge zu zeigen, zu was wir imstande sind“. Rehm sieht den Kampf als seine Mission und Aufgabe an, die er sich in den Kopf gesetzt hat. Er hofft, dass er irgendwann einmal, zusammen mit Nichtbehinderten, bei Wettkämpfen starten darf. Bislang konnte er nach Ansicht des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF jedoch nicht nachweisen, dass seine Prothese kein Vorteil ist. Das Buch, so Rehm, sei aber „noch nicht zugeschlagen“. Zu diesem Thema hatte der 28-Jährige erst vor kurzem eine Studie vorgestellt, die belegt, dass er durch seine Unterschenkelprothese keine gravierenden Vor- oder Nachteile im Vergleich zu nichtbehinderten Athleten hat. Ein aufwendiger Kampf, den Rehm in den nächsten Jahren noch vor sich hat und das, obwohl er sportlich schon einiges erreicht hat. Rehm hat also immer noch nicht genug und hat für 2017 einiges vor: „Dann werde ich weitermachen und auch sportpolitisch weiterkämpfen“. Dabei wirkt es wie eine einfache, kindliche Frage: Ich trage eine Prothese, darf ich bei euch mitmachen?


Schlagworte: Inklusion, Markus Rehm, TSV Bayer 04 Leverkusen, Wakeboard, Weitsprung

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Datum: 15. November 2016
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