Logo

Das Nachrichtenportal für Sport

Sportarten

Wie soll’s weitergehen?

(Hannover). Die ersten 1000 Meter sind geschafft! „Jetzt werde ich so langsam warm.“ sagt Markus Kriks zu diesem Zeitpunkt seines Nachmittagstrainings. Nach dem ersten Kilometer einer kleinen Laufrunde, würde es mir wahrscheinlich genauso gehen, nur ist Markus weder Leichtathlet, noch Langstreckenläufer. Er ist Schwimmer! Genauer gesagt ist er Leistungssportler, was vermuten lässt, dass es heute nicht bei diesen 1000m bleiben wird. Mehr noch: Der Jugendliche ist heute bereits zum zweiten Mal im Wasser und hatte nach dem Frühtraining um 9 Uhr morgens bereits sechs Kilometer hinter sich. Heute Nachmittag werden es noch einmal mindestens sechs sein.

Veröffentlicht am 03. Juli 2019 von

Während andere Jungen seiner Altersklasse in der Schule sitzen müssen, darf er drei Mal die Woche in den ersten beiden Schulstunden trainieren, bevor es nach der Schule und einer kurzen Mittagspause für Hausaufgaben erneut ins Wasser und in den Kraftraum geht. Das Sportleistungszentrum Hannover ist so etwas wie ein zweites Wohnzimmer für ihn, das altbackene Gebäude, das aussieht als wäre es seit dem Bau 1976 nicht mehr renoviert worden, der Geruch nach Chlor, die stickige Wärme in der Schwimmhalle, all das wird er gar nicht mehr für besonders halten, es ist einfach normal.

Nun schwimmt er da, Bahn für Bahn, Meter für Meter, Auf und Ab. Und ich stelle mir allmählich die Frage, was ihm das bringt, so viel seiner Zeit in den Sport zu investieren, die Schulbildung zu vernachlässigen und den Großteil seiner wertvollen Jugend in der Schwimmhalle zu verbringen. Er meint, ein Stück weit sei es Spaß, andererseits habe er klare Ziele und Träume: Er will zu Olympia! Für diesen Traum müssen dann halt auch mal die Noten leiden, was mir angesichts der Leidenschaft, die der Freiwasserschwimmer Tag für Tag aufbringt, durchaus verständlich erscheint. Bei seinem Pensum kommt er auf mehr als 24 Stunden Training in der Woche, dazu die 30 Stunden Schule. Die Arbeitswoche eines durchschnittlichen Deutschen leistet er ohne Probleme ab, jedoch verdient er dafür keinen Cent. Der ganze Aufwand aus freien Stücken und nur, um einmal nach Tokyo, Paris oder Los Angeles zu fliegen und dort wieder ins kalte Nass zu springen. Der 16-Jährige weiß noch nicht, wo es nach seiner Schulzeit hingehen soll. Das ist auch ein Stück weit normal für sein Alter, wenn ich mal auf mein 16-Jähriges Ich zurückblicke, ging es mir genauso.

Die Frage nach dem „danach“

Ein Schwimmer lebt von Preisgeldern und Sponsoreneinnahmen, die vor allem in Deutschland verschwindend gering ausfallen. Ein Michael Phelps kann natürlich auch heute noch von dem Ruhm leben, den ihm seine Schwimmkarriere gebracht hat. Nur ist Phelps der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten und somit nicht repräsentativ für deutsche Leistungsschwimmer. Wie kann es also für einen talentierten Schwimmer wie Markus weitergehen, während seiner Karriere?

Eine Antwort liefert sein Dachverband, der Landesschwimmverband Niedersachsen. Dort habe ich mich mit Dennis Yaghobi getroffen, der in der Geschäftsstelle arbeitet. Dennis war ebenfalls Schwimmer am SLZ, er war auf dem Teilzeitinternat und hat es hinbekommen, sein Hobby zum Beruf zu machen. Der Hannoveraner beendete seine Schwimmkarriere als Jugendlicher, um dann eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann zu absolvieren. Nebenbei trainierte er Jugendliche in seinem Heimatverein und ging seinem Hobby weiterhin nach. Heute ist er beim LSN angestellt und verdiente bis zum letzten Jahr auch als Trainer im SLZ sein Geld.
So richtig zu vergleichen sind Markus und er aber leider doch nicht, hat Dennis doch seine Karriere für die Ausbildung beendet. Trotzdem macht er dem Jungen Hoffnung und zeigt Verständnis: „Die Jugendlichen haben natürlich nur ihren Sport im Kopf. Da ist es wichtig, dass der Verband die Hintergründe managed und für Kooperationen mit Polizei, Bundeswehr oder Unis sorgt, um die Zukunft der Athleten zu sichern.“

Das sind also die Perspektiven für Top Sportler, die unser Land bei Olympia vertreten wollen und werden: Sie werden Sportsoldat, Polizist oder studieren. Diese Wege schlagen viele Sportler ein, die Randsportarten in Deutschland als Hochleistungssport betreiben. Dazu gehören zum Beispiel etliche Handballnationalspieler, Leichtathleten oder Wintersportler.
Klar muss Markus sein, dass er für seinen Traum eine Menge aufs Spiel setzt. Wäre er in einer anderen Sportart ähnlich erfolgreich, würde er wohl schon als Jugendlicher gut verdienen. Trotzdem ist es aussichtslos, eine Debatte über Gleichberechtigung zu führen, wenn man den Fußball zum Vergleich nimmt. Wird mit weniger Arbeit doch deutlich mehr verdient, was aber sicherlich nicht an den Sportlern, sondern an der medialen Aufmerksamkeit liegt, die die Fußballer nunmal auf sich vereinbaren.
Nun geht es für die Schwimmer aus dem Wasser in den Kraftraum, wo Markus weiter trainiert, um sich seinen Lebenstraum zu verwirklichen.

 

Ein Bericht von Lars Schwarz

Quellen:

https://www.bundeswehr.de/portal/a/bwde/start/streitkraefte/truppe/spitzensport/

https://www.lsn-info.de/leistungssport/sportinternat/lsn-kadersportler/?tx_interviews_pi1

https://lottosportinternat.de/sportinternat-internatsalltag/sportinternat-tagesablauf/

https://www.ran.de/handball/bildergalerien/handball-wm-2019-das-sind-die-berufe-der-deutschen-nationalspieler


Schlagworte: LSN, Olympia, Randsportarten, Schwimmen, Sportleistungszentrum Hannover

Artikelinformationen


Datum: 03. Juli 2019
Veröffentlicht von:


Teilen & Versenden


Auf teilen
Auf teilen

Kurzlink: bit.ly/1DASnWi