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You’ll never walk alone – oder die neue englische Krankheit

Anfield Road Stadion

Seit nun mehr 17 Jahren hängt mein Herz am Liverpool Football Club. Als Fan habe ich in dieser Zeit viele Tränen vergossen. Ich habe große Spiele und Erfolge miterlebt, allen voran den Champions League Titel im Jahre 2005. In einem der denkwürdigsten Final-Spiele aller Zeiten konnten die Reds, unter der Führung der Vereinsikone und meines persönlichen Helden Steven Gerrard, nach 21-jähriger Wartezeit den wichtigsten Pokal der Fußballwelt in den Istanbuler Abendhimmel recken. Bei jedem meiner beinahe jährlichen Besuche in dem prestigeträchtigen Anfield Stadion war ich aufs Neue in „meinen“ Verein verliebt. Die Magie der Premier League und ihrer großen Namen hatte mich vollständig in ihren Bann gezogen. Doch warum verliert sich meine Euphorie in den letzten Jahre zum Saisonstart, spätestens am zehnten Spieltag, in absolute und fast endgültige Tristesse?

Veröffentlicht am 17. Februar 2017 von

Als ich im Jahre 1998 zum ersten Mal den legendären Kop, die Fan-Tribüne Liverpools (benannt nach einem strategisch wichtigen Hügel im Burenkrieg), mit meinem Vater betrat, wusste ich kaum, wie sehr ich mich in der Welt eines der meist geliebten Vereine verlieren würde. Alles war fremdartig und spannend: Die Menschen, die Gesänge, sogar der komische Akzent der „Scouser“.  Als dann auch noch kurz vor Schluss ein junges Talent, welches denselben Vornamen und einen ähnlichen Nachnamen wie ich trug, eingewechselt wurde, konnte ich mein Glück kaum fassen, geschweige denn erahnen, dass ich knapp 17 Jahre später, wieder mit meinem Vater, dem Abschiedsspiel eben dieses Mannes beiwohnen werden würde und dabei wieder einmal Tränen auf dem Kop vergießen würde. Ich erlebte also das erste und das letzte Spiel von Steven Gerrard mit, eines Spielers, welcher für eine ganze Generation das Idealbild eines Fußballers werden sollte.

Doch wann genau begann der Wandel von einem glücklichen Fan zum scharfen Kritiker und hoffnungslos Verliebten, fast schon Masochisten? Und was muss passieren, damit jemand wie ich komplett aufhört ein Fan zu sein? Wer einmal ein wirklicher Fan ist, wird für immer ein wirklicher Fan sein. Doch das ist nicht mehr der Fall. Ein schleichender Prozess hat die Fußballwelt grundsätzlich verwandelt. Nicht nur „mein“ Verein verändert sich im Zuge dieses Wandels, sondern die gesamte Premier League. Die großen Namen meiner Jugend, Lampard, Neville, Terry oder Gerrard, wurden durch teure „Stars“ aus dem Ausland ersetzt. Vereine wie Nottingham Forrest, Blackburn Rovers oder Leeds United wurden Opfer der alles verschlingenden Kommerzmaschinerie und verschwanden in der Bedeutungslosigkeit der Football League. Das britische Qualitätsprodukt Fußball wurde zum Spaßobjekt von dubiosen ausländischen Vereins-Besitzern, die Cardiff als „typische englische Arbeiterstadt“ bezeichneten oder sich wunderten, warum Aston Villa im Ligabetrieb eigentlich nie gegen Celtic Glasgow oder Heart of Midlothian spielt. Die Bedeutung von Moral, Werten oder Normen ging völlig verloren.

Das Kulturgut Fußball verroht immer mehr. Fußballverdrossenheit könnte man diesen Wandel nennen. Durch Werbedeals, die jegliche moralischen Grenzen überschreiten, und stetig steigende Ticket- und TV-Übertragungspreise ist es dem Fan kaum noch möglich, seinen Lieblingsverein zu verstehen. Auf Merchandising und Werbepartner wird mehr Wert gelegt als auf diejenigen, die das Gefühl Fußball leben. Wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft akzeptiert, dass Spieler Millionengehälter erhalten, wohingegen Topmanager oder Politiker für ihr Gehalt verteufelt werden? Wie kann es sein, dass der Transfer von Spieler XY für einen größeren gesellschaftlichen Aufschrei sorgt, als der Fakt, dass quasi alle Stars des Weltfußballes notorisch Steuern hinterziehen? Wie können wir als Gesellschaft hinnehmen, dass mit Kindern, welche rechtlich nicht in der Lage sind Verträge abzuschliessen, gehandelt wird als wären sie Wurstwaren? Warum kann die Politik so einen großen Einfluss auf eine Sportart nehmen? Die klassischen Charakteristika der römischen Arena in einem schillernderen, blutfreieren Format. Bringen Spieler gute Leistungen werden sie bejubelt, beinahe vergöttert. Können sie keine Leistung zeigen werden sie (teils sogar von den eigenen Fans) gehasst. All dies könnten verständliche Gründe sein, seinen Glauben an den Fußballgott zu verlieren. Doch was bringt uns wirklich dazu, aufzuhören Fan zu sein?

Fan sein ist wie eine Religion – man möchte glauben. Man glaubt an die Meisterschaft in der neuen Saison. Fan sein bedeutet Emotionen zu fühlen. Man leidet und feiert mit seinem Verein. Fan sein bedeutet Verbundenheit. Man trifft sich mit anderen Fans und genießt ein gesellschaftsübergreifendes Einheitsgefühl. Doch wenn es eindeutig wird, dass es den Gott, an den man glauben möchte, nicht gibt, wird man auch aufhören, Fan zu sein. Fußball muss, um zu existieren, verfügbar, authentisch und verständlich bleiben, was durch den Wandel im modernen Fußball, immer schwerer wird. Jede Sportart der Olympischen Spiele wurde durchleuchtet, fast in jeder wurde ein Dopingsünder gefunden. Niemand kann glauben, dass Fußball die einzige Sportart ist, die vom Doping verschont geblieben ist. Durch die Anonymität die eine Teamsportart mitbringt und  stichprobenartige Kontrollen konnte diese Illusion über Jahre hinweg erhalten werden. Wettbetrug und Spielabsprachen gab es bereits. Selbst absolute Legenden des Sports, wie Franz Beckenbauer oder Uli Hoeneß, konnten sich den Verführungen illegaler Aktivitäten nicht entziehen. Der Sport steht nicht mehr für dieselben Werte, die ihn zur beliebtesten Nebenbeschäftigung der Welt gemacht haben. Trotzdem verzeihen wir dem Sport „fast“ alles.

So sitze ich also mit meinem 200 Euro Ticket, welches ich nur durch meine kostenpflichtige Mitgliedschaft kaufen konnte, in einer der letzten Reihen im Kop, der ehemals größten Stehtribüne Europas. Ein Paradoxon an sich. Ich esse meine amerikanischen Snacks und höre den deutschen Fans zu, wie sehr sie ihrem Messias Jürgen Klopp huldigen, ihn liebend gerne wieder in ihrer schönen Bundesliga sehen wollen, während ich versuche eine zusammengekaufte Mannschaft ohne Identität anzufeuern. Oder genieße das „You’ll Never Walk Alone“, die wohl emotionalste Hymne der Welt, welche der chinesische, komplett in Vereinsmontur eingekleidete, „Fan“ neben mir gerade filmt, um sie später auf YouTube hochzuladen. Während die Fans, die Liverpool groß gemacht haben, im Fan-Pub „The Sandon“ nur wenige Gehminuten vom Stadion entfernt sitzen, weil sie sich ein Ticket nicht mehr leisten können. Hat all das noch etwas mit Fan sein, im ursprünglichen Sinne, zu tun?

Steven Germitsch


Schlagworte: Anfield, Emre Can, England, Fan, FC Liverpool, Fußball, Geld, Jürgen Klopp, Kommerz, Kop, Liverpool, Moderner Fußball, Premier League, Steven Germitsch, Steven Gerrard, Veränderungen, Wandel, You'll never walk alone, Zeitgeschehen

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Datum: 17. Februar 2017
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