Logo

Das Nachrichtenportal für Sport

Sonstiges

Alles im Griff – auch ohne Arme

Es ist Mittwoch, 8:30 Uhr. In der Morgensonne betrete ich das Vereinsgelände des TV01 Bohmte. Aus dem Gymnastikraum ertönt durch dicke Wände bereits laute Musik. Pilates steht auf dem Programm. Treppe hoch und der Tür zum Kursraum immer näher – Geschrei. Laute Anweisungen. Es wird viel geredet. Nachdem ich einen tiefen Atemzug nehme, klopfe ich dreimal an der Tür und trete nach einem kräftigen „Komm rein!“ hinein. Die angestrengten Gesichter sechs Frauen erfassen meinen Blick. Vorne die Kursleiterin. Blaue Matten, Handtücher, Gymnastikbälle. Es scheint alles normal wie immer – doch irgendetwas ist anders.

Veröffentlicht am 28. September 2019 von

(Bohmte). Die heute 58-jährige Birgit Wulf ist ein Contergan-Kind. In den späten Fünfzigerjahren verursachte das für Schwangerschaftsbeschwerden  empfohlene Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan bei Tausenden von Neugeborenen Behinderungen, weil ihre Mütter das als unbedenklich und rezeptfrei eingestufte Medikament genommen hatten.

Hindernisse gibt es nicht

Nächste Übung: Flexi-Bar. Auch dise Übung stellt kein Problem dar. „Ich kann nicht schütteln, meine Arme sind schon abgefallen“, scherzt Birgit Wulf, legt sich auf den Rücken und demonstriert die Übung problemlos mit den Füßen. „Es gibt keine Hindernisse. Zur Not ändere ich die Übungen so ab, wie es für mich passt“, sagt sie. Herausforderungen? Wenn, dann nur für Kursmitglieder. Denn diese müssen zu jeder Zeit aufmerksam sein. So beobachte ich zwischen Unterarmseitliegestütz und Ausfallschritten stets konzentrierte Blicke und gespitzte Ohren in Richtung der Kursleiterin. „Anke, habe ich etwas von „Arme runter“ gesagt? Wieder hoch“, ruft Wulf einem Kursmitglied zu.

Denn es kommt schon mal vor: Wechselt Birgit Wulf während der Übung zu den Beinen, vernachlässigt der ein oder andere automatisch die Armbewegung, weil er sich nicht an den Armen der Leiterin orientieren kann. Dies führt zu erhöhter Kommunikation. Haargenaue Beschreibungen, Anweisungen und Erklärungen. Es ist viel mehr ein gemeinsames Miteinander, als ein stumpfes Nachmachen. Schulter drehen „als würdet ihr die Hände in die Hosentasche stecken“. Danach die „Arme in U-Haltung“. Es geht eben nur mit Körper – und Stimme.

Je schwächer der Körper, desto stärker der Geist

Es ist die offene, selbstbewusste Art, die mich imponiert. Die meisten Menschen würden ihr beim ersten Aufeinandertreffen ganz normal und ohne Distanz begegnen. Sollte doch mal jemand verblüfft gucken, lässt sie ihre Taten sprechen. „Man muss einfach zeigen, was man kann.“ Es käme nicht darauf an, was man in den Armen hat, sondern im Kopf. „Je schwächer der Körper, desto stärker muss der Geist sein“, so die Kursleiterin.

Nach gut 60 Minuten steht die letzte Übung auf dem Plan: Im Knien und mit gestrecktem Rücken werden die Arme auf den Gymnastikball gelegt und gestreckt. Plötzlich rollt der Ball bei einigen Teilnehmern nach vorne weg. „Ich verstehe gar nicht, wieso das bei euch nicht funktioniert. Ich kann das sogar ohne Arme“, lacht Wulf, für die ein Leben ohne Sport nicht möglich ist.

Bewegung ist zwingend notwendig

„Sport ist essentiell für mich“, sagt Wulf. Der Sport sorge dafür, dass sie alltagsfähig bleibt. Er hält fit – trotz in den letzten Jahren immer wieder verstärkt auftretenden Rückenproblemen. Gerade die Büroarbeit im Vereinsheim des Sportvereins führt besonders zu Schmerzen in der Wirbelsäule. Denn seit 2006 ist Wulf als Abteilungsleiterin auch für die Geschäftsstelle des TV01 zuständig. Computer- und Büroarbeit erledigt sie im Handumdrehen – mit ihren Füßen.

Der Kurs ist zu Ende. Wulf deutet mit ihren Schultern wechselnde Bewegungen an. Der Kurs klatscht. Nachdem die Kursmitglieder Wulfs Matte und Ball zurückbringen, schließt die Kursleiterin den Raum mit ihren Füßen ab und macht das Licht per Stromschalter aus. Beeindruckend.

Ich verabschiede mich und zücke meinen Autoschlüssel. Neben meinem Auto parkt ein Fahrrad. Es muss Birgits – extra für Menschen ohne Arme – umgebautes Rad sein, mit dem sie jeden Tag zur Arbeit fährt.

Eine Reportage von Luis Rewwer (Sportjournalismus & Sportmarketing SJ-BA-12-H-VZ, Modul: Sportlehrredaktion II)

Links:

https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/medizin/pharmaindustrie/pwiederfallcontergan102.html

http://tv-01-bohmte.de/

https://www.noz.de/deutschland-welt/os-sport/artikel/1031312/selbstbewusst-die-bohmter-uebungsleiterin-birgit-wulf

https://www.noz.de/lokales/bohmte/artikel/779697/gluecksfall-als-maedchen-fuer-alles-beim-tv-01-bohmte#gallery&0&0&779697

https://de.wikipedia.org/wiki/Contergan-Skandal


Schlagworte: Birgit Wulf, Bohmte, Contergan, Kursleiterin, Luis Rewwer, Pilates, Reportage, Sport

Artikelinformationen


Datum: 28. September 2019
Veröffentlicht von:


Teilen & Versenden


Auf teilen
Auf teilen

Kurzlink: bit.ly/1DASnWi