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Eine großartige Chance

Es ist ein scheinbar ganz gewöhnlicher Dienstag im Sommer 2016. Ich steige aus der überfüllten Straßenbahn, in der die Luft steht und sich die Vielzahl unangenehmer Gerüche zu einem furchtbaren Gestank vereint. Endlich draußen! Frische Luft! Es sind etwa fünf Minuten Fußweg, die ich inmitten der belebten Stadt zurücklege, bevor ich die große Holztür öffne,

Veröffentlicht am 28. September 2018 von

Es ist ein scheinbar ganz gewöhnlicher Dienstag im Sommer 2016. Ich steige aus der überfüllten Straßenbahn, in der die Luft steht und sich die Vielzahl unangenehmer Gerüche zu einem furchtbaren Gestank vereint. Endlich draußen! Frische Luft! Es sind etwa fünf Minuten Fußweg, die ich inmitten der belebten Stadt zurücklege, bevor ich die große Holztür öffne, über den Hinterhof gehe und das Antenne Gebäude betrete. Hier absolviere ich ein halbjährliches Praktikum. Zwei Wochen sind bereits vergangen und schon jetzt habe ich eine Menge gelernt. Ich begrüße die Kollegen und hole mir einen Kaffee. Es ist also alles wie immer. Eine Kollegin und ich setzen uns zusammen und sie erklärt mir, welche Aufgaben heute auf meiner To-do Liste stehen. Ich mache mich direkt an die Arbeit und bin so vertieft, dass ich gar nicht merke, dass mein Lieblingskollege Till schon seit einigen Minuten neben meinem Schreibtisch steht. „Na, fleißig am arbeiten?“, fragt er. Ich nicke. „Wir brauchen jemanden, der nach Wolfsburg fährt, beim Training des VfL zusieht, ein paar Interviews führt und darüber berichtet. Da habe ich an dich gedacht. Ich weiß nicht, ob du das machen willst. Du müsstest halt alleine dort hin. Traust du dir das zu?“  Es dauert einen Moment, bis seine Worte bei mir ankommen. Dann realisiere ich, was für eine großartige Chance sich mir gerade bietet. Ich bin überwältigt. „Ja, das will ich auf jeden Fall!“, entgegne ich strahlend. Till freut sich. Er gibt mir eine halbe Stunde Zeit, mich vorzubereiten. Dann soll ich mit dem ICE nach Wolfsburg fahren. Ich hole mir noch einen Kaffee, trinke diesen in einem riesigen Schluck aus und haue in die Tasten. Ich recherchiere alles über den VfL Wolfsburg, was ich als wichtig erachte, überlege mir mögliche Fragen und notiere alles in meinem geliebten Notizbuch. Nur noch zehn Minuten. Ich liebe diesen positiven Stress! Noch ein Mal gehe ich meine Notizen durch und bereite mich geistig auf die bevorstehende Aufgabe vor. Dann bekomme ich ein hellblaues Antenne T-Shirt in die Hand gedrückt, was ich anziehen soll, damit man mich als Teil des Antenne Teams identifizieren kann. Till gibt mir noch ein paar Tipps und ein Aufnahmegerät und dann ist es schon an der Zeit, sich auf den Weg zum Hannover Hauptbahnhof zu machen, wo mich der ICE nach Wolfsburg bringen wird.

Das kleine Stück vom Antenne Gebäude zum Hauptbahnhof lege ich zu Fuß zurück, da ich ohnehin total hibbelig bin. Auf dem Weg checke ich ungefähr 50 Mal, ob ich auch alles Wichtige dabei habe – Aufnahmegerät, Ersatzbatterien, Notizbuch, Notizblock, mehrere Kugelschreiber sowie einen „Journalistenausweis“. Es ist alles da. Am Hauptbahnhof angekommen bahne ich mir meinen Weg durch die Menschenmengen und stelle mich ans Gleis. In fünf Minuten soll der ICE kommen. Die Zeit zieht sich in die Länge wie in Kaugummi und will einfach nicht vergehen. Endlich sind fünf Minuten verstrichen und ich warte darauf, dass der Zug einfährt. Es vergehen weitere drei Minuten und der ICE ist immer noch nicht da. Meine Nervosität steigert sich. Nicht, dass ich am falschen Gleis bin oder die Abfahrtszeit falsch im Kopf hatte… Doch ein Blick auf die Anzeigentafel bestätigt mir, dass ich am richtigen Gleis bin und der ICE bereits vor wenigen Minuten hätte losfahren müssen. Auf einmal wird eine neue Information an der Anzeigentafel eingeblendet – „ICE nach Wolfsburg Hauptbahnhof – circa 20 Minuten Verspätung.“ Immer das Gleiche mit der Deutschen Bahn. Ich bin echt genervt. Vor allen Dingen wird es jetzt für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit, pünktlich am Wolfsburger Stadion zu sein. Bei einer für mich so wichtigen journalistischen Erfahrung zu spät kommen – Das geht gar nicht! Besonders, weil Till mir zuvor mehrere Male eingebläut hat, dass das gesamte Team sich auf mein Können verlässt und wie wichtig es ist, dass ich die Aufgabe gut und zuverlässig erledige. Wenn es bei den 20 Minuten Verspätung bleibt, habe ich knapp zehn Minuten Zeit, um vom Wolfsburger Hauptbahnhof zum Stadion zu gelangen. Zu Fuß oder mit den Öffis ist das nicht möglich. Ich werde mir wohl ein Taxi nehmen und den Taxifahrer bitten müssen, ordentlich Gas zu geben. Endlich ist der ICE da. Ich steige ein und stecke mir die Kopfhörer in die Ohren, um mit meiner Lieblingsmusik etwas abschalten und meine Nervosität, die immer mehr wird, lindern zu können. Ich blicke aus dem Fenster und die Landschaft zieht an mir vorbei. Wie es wohl wird? Nicht, dass ich mich verhaspele oder irgendwelche wichtigen Informationen vergesse. Doch ich sollte mich selbst nicht verrückt machen und mit einer positiven Erwartungshaltung an die Sache herangehen, damit es auch gut wird. Die Fahrt mit dem ICE kommt mir ewig vor. Endlich fährt der Zug in den Wolfsburger Hauptbahnhof ein.

Ich steige aus und steuere zielstrebig auf ein Taxi zu. Zum Glück ist es noch frei und bringt mich zum Stadion – Zwar vollkommen überteuert, aber das ist mir in dem Moment egal.

Am Stadion angekommen bin ich überwältigt von all den Eindrücken, obwohl das Fußballfeld noch leer ist. Ich habe einen guten Platz erwischt, ganz nah dran. Auf einmal stellt sich ein Reporter vom Ersten neben mich, den ich aus der Tagesschau kenne. Am liebsten würde ich ihn nach einem Autogramm fragen, aber ich möchte ihn nicht bei der Arbeit stören. „Na, so eine junge Kollegin“, sagt er und grinst mich kumpelhaft an. Ich kann es nicht glauben, dass er gerade mit mir spricht. Wir kommen ins Quatschen. Er gibt mir viele wertvolle Tipps und ich hänge an seinen Lippen. Unser Gespräch wird durch das Quietschen einer Tür unterbrochen, aus der die Spieler des VfL Wolfsburg hinaustreten – Benaglio, Casteels, Knoche, Rodriguez, Arnold, Caligiuri, Draxler, Gustavo, Viereinha… Es kommt mir unwirklich vor, wie ein Traum. Die Spieler wirken locker, sie grinsen und scherzen. Sie gehen an der Bande vorbei und geben im Vorbeigehen jedem Reporter, der in der ersten Reihe steht, ein Handshake. Wie aufregend! Noch nie habe ich so viele wichtige Hände an einem Tag berührt. Ich habe auch die Gelegenheit einige Interviewfragen zu stellen.

Das Training gestaltet sich spannend und abwechslungsreich und bringt sogar die erfahrenen Spieler ins Schwitzen. Ich drücke auf den „REC“ Knopf des Mikrofons und kommentiere das, was ich auf dem Spielfeld sehe. Ich bin überrascht wie es fast von alleine läuft und ich gar nicht groß nachdenken muss. Die Worte sprudeln einfach aus meinem Mund.

Die Zeit verfliegt und schon ist das Training vorbei. Till sagte, es wäre die absolute Krönung, wenn ich es schaffen würde, Bruno Labbadia zu einem Interview zu überzeugen. Und tatsächlich kommt mir die Gelegenheit fast zugeflogen. Nach dem Training stellt er sich nämlich an die Bande und sagt: „Wenn noch jemand von Ihnen Fragen hat, können Sie diese jetzt stellen.“ Ich lasse dem netten Reporter vom Ersten den Vortritt. Als er fertig ist, hebe ich meine Hand. „Ich hätte auch noch ein paar Fragen.“ Verdammt, wie meine Stimme zittert. Er nickt mir aufmunternd zu und ich lege los. Alle sehen mich an.  Drei Fragen habe ich vorbereitet. Mit großer Sicherheit ist mein Kopf rot, als ich spreche und bei einer Frage verhaspele ich mich ein bisschen. Das ärgert mich sehr. Doch meine Notizen lassen sich sehen. Überraschenderweise sagt mir der Reporter vom Ersten wie gut ich mich angestellt hätte. Gut? Er will mich wohl auf den Arm nehmen.

Anschließend macht jeder der Spieler ein Foto mit mir und gibt mir ein Autogramm – Sogar in zweifacher Ausführung, eins für meinen Freund und eins für mich. Manche nehmen sich sogar einen Augenblick Zeit, um sich mit mir zu unterhalten.

Als ich auf dem Rückweg bin und im ICE sitze, schließe ich die Augen und bin unglaublich dankbar und überwältigt von der tollen Erfahrung, die ich sammeln durfte.

 


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Datum: 28. September 2018
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