Fußball
Die sportliche und identitäre Talfahrt des VfL Wolfsburg
Der VfL Wolfsburg hat die schlechteste Saison der Vereinsgeschichte hinter sich. Nach dem letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2025/26 konnte der VfL nur mickrige 29 Punkte vorweisen. Wie es überhaupt so weit kommen konnte, wo diese sportliche Talfahrt anfing und was das Land Dänemark damit zu tun hat erläutert dieser Kommentar.
(Wolfsburg.) Der Verein für Leibesübungen Wolfsburg hat eine Horror-Saison hinter sich. Nach 29 Jahren stieg der VfL erstmalig in seiner Vereinsgeschichte in die zweite Fußball-Bundesliga ab. Doch, wie konnte das eigentlich passieren? Der Weg in die mit Abstand schlechteste Saison der Wolfsburger Vereinsgeschichte begann nicht erst in dieser Saison.
Der verpasste Europa-Einzug
Am letzten Spieltag der Saison 2022/23 verloren die Wölfe zuhause mit 1:2 (1:0) gegen die bereits sang- und klanglos abgestiegene Hertha aus Berlin. Trotz früher Führung und weiterer hochkarätiger Torchancen verlor die Mannschaft von Niko Kovac die Partie – und somit den sicher geglaubten Einzug in die europäischen Wettbewerbe.
Die Folgen? Das Vertrauen für Trainer Niko Kovac aus der Führungsetage des Werksclubs schwand von Spiel zu Spiel. Der Trainer selbst schien nach dem Eklat um Max Kruse mit dem Standort Wolfsburg zu fremdeln und gab sich besonders nach dem Hertha-Spiel sehr unzugänglich und nahezu trotzig. Nach 26 Spieltagen in der Saison 2023/24, in denen die Wölfe 25 Punkte erreichten und elf Spieltage in Folge nicht einen einzigen Sieg erringen konnten, war Schluss für den späteren BVB-Coach. Er wurde durch Ralph Hasenhüttl ersetzt – Eine Verpflichtung, welches der Anfang einer Saga von Kurzzeit-Trainern einläuten sollte.
Der Schäfer-Rauswurf
Marcel Schäfer, welcher als Spieler bereits über 300 Spiele für die Grün-Weißen auf dem Platz stand und seither als Sportdirektor und Geschäftsführer tätig gewesen war, bat im April 2024 um die Freigabe für einen Wechsel zu RB Leipzig. Für Jeden, der es mit dem Werksclub hielt ein großer Schock, da Schäfer einer der größten Identifikationsfiguren der Vereinsgeschichte war und nach außen immer eine authentische Verbindung zum Klub verkörpern wollte. Nach dieser Meldung war Schäfers Reputation ruiniert, seine Rückendeckung bei den Fans futsch und der Aufsichtsrat rund um Chef Frank Witter stellte ihn sofort frei.
Damit verlor der VfL sein wichtigstes Gesicht und bestärkte einmal mehr die Wahrnehmung, dass man selbst nur ein seelenloser Plastikclub sei, bei der Identifikationsfiguren nur Mittel zum Zweck und unwichtig seien.
Das Dänen-Fiasko
Im Juli 2024 stellten die Grün-Weißen Peter Christiansen als neuen Geschäftsführer vor. Die Vorzeichen denkbar positiv: Der 51-jährige kam vom dänischen Rekordmeister aus Kopenhagen und hatte diesen erst unter die letzten 16 der Königsklasse geführt. Er verkündete einen „Wolfsburger Weg“ mit dominanten Offensivfußball und engerer Zusammenarbeit mit dem Nachwuchsleistungszentrum. Seine großen Worte stellten sich als haltloses Gerede heraus. Transfers waren unkreativ, ohne klaren Plan und auf die große Ankündigung der großartigen Zusammenarbeit mit dem Jugendbereich folgten kaum bis gar keine sichtbaren Änderungen. Lediglich zwei Jugendspieler schafften es zu wenigen Kurzeinsätzen unter ihrem Ex-Trainer Daniel Bauer, womit Christiansen herzlich wenig zu tun hatte. Schnell kam der Verdacht auf, dass „PC“ – welcher bisher nur in anderen Ländern aktiv gewesen war – ein Fehlgriff gewesen sein könnte. Dass seine Verpflichtung als Alleingang von Witter galt, stieß bei VW sauer auf. Wenige Wochen später schied Witter aus seinem Amt im Aufsichtsrat, VW-Kommunikationschef Sebastian Rudolph wurde Nachfolger.
Der Abgang von Ridle Baku nach Leipzig
Ausdrücklich gegen den Wunsch von Cheftrainer Ralph Hasenhüttl gab der VfL im Januar 2025 Ridle Baku für eine Ablöse von 4.5 Millionen Euro nach Sachsen ab. Der Rechtsverteidiger war zwar nicht in berauschender Form – war jedoch für das System des Österreichers unverzichtbar. Als Reaktion stellte Christiansen Hasenhüttl Andreas Skov Olsen – einen von aktuell sechs Dänen im Wolfsburger Kader – vor die Nase. Skov Olsen kostete die Autostädter 15 Millionen Euro Ablöse – und bis heute wusste keiner, inklusive Ralph Hasenhüttl, wieso der Rechte Flügel überhaupt verpflichtet wurde, denn ins System, geschweige denn ins Vakuum, welches Ridle Baku hinterließ, passte er überhaupt nicht.
Schon zum damaligen Zeitpunkt wurde deutlich, dass Christiansen und Hasenhüttl nicht auf einen Nenner passten. Früh war klar: Einer von Beiden war bald weg.
Und so kam es auch: Zwei Spieltage vor Saisonende war das Kapitel Hasenhüttl geschlossen, die Spielzeit endete unter Interimstrainer Daniel Bauer auf einem enttäuschenden Rang elf.
Das Experiment „Simonis“
Am Anfang der aktuellen Saison stellte der VfL Paul Simonis als neuen Cheftrainer vor. Ein Mann, der in den Niederlanden mit Go Ahead Eagles Deventer sensationell den Pokal geholt, sonst jedoch weder als Spieler noch als Trainer eine besondere Vita vorzuweisen hatte. Doch nicht nur er war neu – um ihn herum wurde ein komplett neues Trainerteam gebaut, welchem unter anderem der ehemalige U19-Nationaltrainer Peter van der Veen und Fitnesscoach Christian Clarup angehörten. Die Verpflichtung wurde intern als auch extern als Experiment wahrgenommen – auch er hatte keine Erfahrung in Deutschland.
Das Experiment war nach zehn Spieltagen krachend gescheitert: Nach einem durchschnittlichen Saisonstart vergeigte die Mannschaft das Spiel zum groß gefeierten 80. Geburtstags des VfLs in der 13. Minute der Nachspielzeit durch ein Tor von Kölns Jakub Kaminski, welcher von Christiansen mit einer viel zu niedrigen Kaufoption zum Effzeh verliehen worden war. Anschließend verlor der VfL vier Bundesliga-Spiele in Folge. Simonis, welcher sich ohne nachhaltigen Erfolg an der deutschen Sprache versuchte, wirkte oft ideenlos und soll zu der Zeit auch intern eher belächelt als ernst genommen worden sein. Bezeichnungen wie „Trainer-Praktikant“ soll der Niederländer abbekommen haben. Außerdem verfestigte sich in seiner Amtszeit das Gerücht, die Mannschaft habe ein Mentalitätsproblem – und Interviews von Kapitän Maxi Arnold und Ersatztorwart Marius Müller nach dem Pokal-Aus beim Zweitligisten aus Kiel verhärteten diese Gerüchte umso mehr.
Die schlechten Transferentscheidungen
Für insgesamt rund 50 Millionen Euro investierte der VfL über Sommer und Winter in den Kader – doch prägend waren vor allem die Transfers, die scheiterten. Wunschspieler wie Josh Sargent, Nikola Krstović, Troy Parrott, Edin Džeko oder Younes Ebnoutalib sagten ab oder entschieden sich für andere Klubs. Gleichzeitig misslangen zentrale Baustellen im Kader: Ein neuer Abwehrchef kam nicht, Moritz Jenz blieb trotz Wechselplänen, spielte in der laufenden Saison auf einmal trotz ausbleibender Leistung eine viel zu große Rolle und viele Verpflichtungen wirkten entweder verspätet oder schlecht abgestimmt. Spieler wie Saël Kumbedi stießen erst kurz vor Transferschluss dazu, Christian Eriksen wurde trotz eines bereits überfüllten Mittelfelds verpflichtet. Im Winter setzten Christiansen und der neue Sportdirektor Pirmin Schwegler mit Transfers wie Jonas Adjetey, Kento Shiogai oder Cleiton nach – nachhaltig helfen konnte aber nur Leihspieler Jeanuël Belocian.
Die Folgen zeigten sich schnell: Der Kader wirkte unausgewogen, hinten fehlte Stabilität, im Mittelfeld Dynamik und vorne ein echter Torjäger. Spieler, wie Vini Souza wurden in unpassende Rollen gedrängt und dann medial auseinandergenommen, wenn sie diese nicht perfekt spielen konnten, Aufstellungen wurden ständig verändert, eingespielte Abläufe entstanden kaum. Nach einem kurzen Zwischenhoch stürzte die Mannschaft endgültig ab – inklusive deutlicher Niederlagen wie dem 1:8 bei Bayern, schwachen Auftritten in Mainz oder Stuttgart und haarsträubenden Fehlern gegen Bremen und den HSV. Extreme Fanproteste und interne Kritik an Geschäftsführer Christiansen nahmen massiv zu. Sportdirektor Sebastian Schindzielorz und später auch Trainer Bauer mussten gehen, während Christiansen trotz wachsender Zweifel vorerst im Amt blieb.
Die letzte Patrone
Mit Dieter Hecking zog der VfL im März die letzte Konsequenz im Abstiegskampf. Der Pokalsieger-Trainer von 2015 übernimmt am 8. März 2026 mit einem Vertrag bis Saisonende und soll die völlig verunsicherte Mannschaft retten. Seine Rückkehr sorgt bei Fans und Umfeld sofort für neue Hoffnung – auch weil kurz zuvor Geschäftsführer Christiansen endlich entlassen wurde, was im Wolfsburger Umfeld nahezu einhellig begrüßt wurde. Sportlich blieb die Aufgabe jedoch enorm: Hecking übernimmt einen schlecht zusammengestellten Kader, der weiter unter vielen Verletzungen leidet. Intern wird Fitnesscoach Clarup für die mangelnde Fitness verantwortlich gemacht und muss kurz nach Heckings Amtsantritt gehen.
Trotz zunächst ausbleibender Ergebnisse stabilisiert Hecking die Mannschaft zumindest etwas. Aus neun Spielen holt der VfL neun Punkte, davon acht in den letzten fünf Partien. Für die Rettung des kriselnden Werksclubs reichte das jedoch nicht. Nach zwei schwachen Auftritten in der Relegation gegen den SC Paderborn vergeigte das Team unter Trainer Hecking den Klassenerhalt und muss nun zum ersten Mal ins deutsche Unterhaus. Eine Blamage auf allen Ebenen.
Ein Kommentar von Tom Fabig im Modul Journalistische Darstellungsformen im Studium BA-SJ-32-H-VZ-KS
Quellen:
https://www.kicker.de/wolfsburg-gegen-hertha-2023-bundesliga-4781735/analyse
https://www.kicker.de/bundesliga/tabelle/2023-24/26
https://www.transfermarkt.de/marcel-schafer/profil/spieler/8317
https://www.youtube.com/watch?v=spvYPm5uVqg
https://www.transfermarkt.de/vfl-wolfsburg/transfers/verein/82/saison_id/2025
https://www.youtube.com/watch?v=MbFTFjG8eQU&list=PLqNPixCJyI7BMUk8OYdCqX0T0n6tnMBrD&index=22
https://www.transfermarkt.de/spielbericht/index/spielbericht/4886528
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