Fußball
Kniat-Aus in Bielefeld: Emotional, aber nachvollziehbar
6:1-Heimsieg am letzten Spieltag, Klassenerhalt und tolle Stimmung auf der Bielefelder Alm. Die Arminia hat ihr Saisonziel erreicht, doch nur einige Tage nach der Party folgt der große Knall: Trainer Mitch Kniat muss gehen. Was auf den ersten Blick übermütig erscheint, ist jedoch nicht unverständlich.
(Bielefeld.) „Wenn uns das nächste Saison mal nicht auf die Füße fällt.“, „Völlig unverständlich!“ oder „Nicht zu glauben!“. Man findet derzeit viele Arminen, die mit der Entscheidung der Vereinsführung nicht ganz einverstanden sind und ihrem Unmut in den Kommentarspalten sozialer Medien Luft machen. Verständlich, vergleicht man das ausgerufene Saisonziel mit der Endplatzierung. Dass die Arminia als Aufsteiger letztendlich auf Rang 13 landet, hätte noch vor der Saison wahrscheinlich jeder unterschrieben, der es mit den Ostwestfalen hält. Doch der einfache Blick auf die Tabelle reicht nicht aus.
Furiose Spiele unter Kniat keine Seltenheit
34. Spieltag. Das Endspiel der Arminia gegen die aus dem Niemandsland der Tabelle angereisten Herthaner aus Berlin geht mit 0:1 in die Halbzeit. Gefühlt alle 26.750 Stadionbesucher in der ausverkauften SchücoArena stehen vor dem Smartphone. Die Arminia, vor dem letzten Spieltag auf Relegationsplatz 16 abgerutscht, braucht mindestens ein, besser zwei Tore. Was in Halbzeit zwei folgt, ist fast schon Wahnsinn: 51 Minuten später steht das Stadion Kopf und feiert ihre Mannschaft, die Hertha nach 90 Minuten mit 6:1 schlägt. Der Sieg ist gleichbedeutend mit dem Sprung auf Platz 13 und dem direkten Klassenerhalt.
Und genau hier liegt eine der Stärken von Kniats Mannschaft. Als Bielefeld-Fan müsste man lügen, wenn man sagen würde, dass man in der jüngeren Vergangenheit nicht auch Mannschaften erlebt hat, denen genau dieses Feuer fehlte. Besonders die Abstiegssaison, ein Jahr vor Kniats Amtsantritt, wird vielen da ins Gedächtnis kommen. Fehlendes Feuer war etwas, was es in der dreijährigen Amtszeit von Kniat nie gab. Seine intensive Spielweise – mit den meisten intensiven Läufen in der 2. Bundesliga laut bundesliga.de – trug ihren Teil dazu bei, dass man als Fan in keinem Spiel das Gefühl bekam, dass hier nicht jeder bis ans Limit ging. Aus diesem Kampfgeist und dieser Leidenschaft, die der Trainer täglich vorlebte, konnten solche furiosen Spiele wie das 6:1 gegen Hertha BSC entstehen.
Kniat führt Bielefeld bis ins Pokalfinale – Platz im Herzen eines jeden Arminen
Denkt man an Kniats Zeit in Bielefeld, kommen einem sofort einige dieser Spiele in den Kopf. Nicht zuletzt wegen des unfassbaren Pokalruns der Arminia in der letzten Saison, der im Finale von Berlin mündete. Gegner wie Hannover 96, Union Berlin, SC Freiburg, Werder Bremen und auch Alonsos Bayer 04 Leverkusen scheiterten einer nach dem anderen an dem damaligen Drittligisten (!). Allein dadurch wird Kniat für immer einen Platz im Herzen eines jeden Arminen haben. Aber natürlich muss man auch die sportlichen Erfolge unter Kniat begutachten. Die taktische Einstellung in den Pokalspielen, einige furiose Serien und die Entwicklung einer völlig neu geformten Mannschaft im ersten Jahr zum Meister und Pokalfinalisten im Folgejahr war beeindruckend. Gleichzeitig verhalf sie dem Verein wirtschaftlich weiter gesund zu wachsen und die restlichen Schulden zu begleichen. Und auch die Endplatzierung dieser Saison spricht klar für einen weiteren Verbleib des Trainers, der selbst nach dem Klassenerhalt auf der Pressekonferenz ziemlich sicher war, auch nächstes Jahr Trainer der Ostwestfalen zu sein.
Starke Leistungsschwankungen werden Kniat zum Verhängnis
Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Denn nicht alles war so rosig, besonders in dieser Saison. Nach einem starken Start und zehn Punkten aus den ersten fünf Partien und dem Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals gegen Bundesligist Bremen folgte eine Talfahrt. Aus den restlichen zwölf Partien der Hinrunde in Liga zwei holten die Bielefelder weniger Punkte als aus den ersten fünf. Mit 19 Punkten und Platz 14 in der Tabelle waren alle anfangs euphorisierten Fans, die Arminia teilweise bereits in der Bundesliga sahen, wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Denn genau wie Siegesserien unter Kniat möglich waren, gab es auch Sieglosserien. Besonders um den Winter herum gab es viele Spiele, in denen man der Mannschaft zwar den Kampf nicht absprechen konnte, aber gefühlt alles andere. Fans ärgerten sich über mangelnde Kreativität, schlechte Entscheidungsfindung, Absprachefehler in der Hintermannschaft und zahlreiche weitere Probleme. Wenig verwunderlich wollten einige Anhänger den Trainer deshalb bereits während der Saison entlassen sehen. Sportdirektor Mutzel gab ihm nach der 1:3-Pleite in Elversberg Ende März noch eine Jobgarantie bis zum Saisonende. Diese ist nun abgelaufen.
Kniat hinterlässt Außergewöhnliches – Einvernehmliche Trennung nach offenen Gesprächen
Das Verhältnis von Mutzel und Kniat, die beide 2023 nach Bielefeld kamen, beruhte immer auf Ehrlichkeit. Und in der veröffentlichten Vereinsmeldung des DSC zur Trennung von Kniat erkennt man, dass offene und ehrliche Gespräche geführt wurden. „Beide Parteien einigten sich nach umfangreichen Analysen und tiefgehenden Gesprächen einvernehmlich.“, steht dort geschrieben. Verein und Trainer hätten sich „auch über die weiteren Entwicklungsschritte ausgetauscht und festgestellt, dass wir bei der Zukunftsplanung nicht deckungsgleich sind“. Wichtig für beide war, „die Zusammenarbeit mit dem positiven Saisonabschluss und dem Erfolg des Klassenerhalts zu beenden“. Und genau das scheint die richtige Lösung zu sein. Dass die Trennung tatsächlich einvernehmlich war, scheint auch deshalb plausibel, weil Kniat laut dem vereinsnahen „Westfalen-Blatt“ bereits Interesse aus dem Ausland geweckt habe. Genau das könnte für einen sympathischen, überzeugenden Trainer mit Know-how wie Kniat auch der richtige Schritt sein.
Am Ende öffnen sich so neue Türen für beide Parteien. Ob die Entscheidung richtig oder falsch ist, lässt sich jetzt noch nicht beantworten. Doch eins steht fest: Mitch Kniat hinterlässt in Bielefeld weit mehr als nur den Klassenerhalt. Er hinterlässt Erinnerungen, Identifikation und eine Mannschaft mit Perspektive. Dass sich die Wege dennoch trennen, mag emotional schwerfallen – unverständlich ist die Entscheidung deshalb aber nicht.
Ein Kommentar von Lazlo Drücker
Quellen:
Instagram (https://www.instagram.com/arminiaofficial/?hl=de)
Kicker (https://www.kicker.de/2-bundesliga/tabelle)
Westfalen-Blatt (https://www.westfalen-blatt.de/dsc-arminia-bielefeld/arminia-das-raetsel-um-kniats-zukunft-3558130?pid=true&ueg=default)
Bundesliga (https://www.bundesliga.com/de/2bundesliga/statistiken/clubs/intensive-laeufe)
Arminia Bielefeld (https://www.arminia.de/neues/schlagzeilen/detail/mitch-kniat-verlaesst-arminia-bielefeld)
Sportjournalismus & Sportmarketing (BA-SJ-32-H-VZ-KS)
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