Sonstiges
Proteineinheiten statt Broteinheiten
Ob im Internet oder im Supermarkt, die Proteinbubble boomt. Kaum klingelt der Paketbote, sprinten „Sportler“ voller Hoffnung zur Tür: Endlich ist das neue Proteinpulver mit Brownie-Geschmack da, dazu Proteinriegel in der Geschmacksrichtung Coconut-Hazelnut. Brotzeit war gestern. Heute wird geschüttelt, gesippt und optimiert. Hauptsache, die Proteineinheiten stimmen.
(Hannover.) Vergessen Sie den Klimawandel, vergessen Sie die Inflation. Die wahre Krise unserer Zeit spielt sich im Kühlregal ab, direkt zwischen dem dreifach linksgerührten Biojoghurt und der laktosefreien Magermilch. Dort lauert die existenzielle Angst vor dem körperlichen Verfall, ausgelöst durch ein vermeintlich akutes Defizit an Strukturproteinen. Früher, in der dunklen und unwissenden Epoche des späten 20. Jahrhunderts, gab es für gesundheitsbewusste Menschen noch eine klare Währung: die Broteinheit. Fast jeder kannte sie aus dem Alltag. Heute jedoch droht sie auszusterben, verdrängt vom Kalorienzählen und der panischen Angst vor Kohlenhydraten. Denn im modernen Fitnesszeitalter zählt nur noch eines: die „Proteineinheit“.
Das flüssige Heiligensprechen im Becher
Eiweiß ist längst kein schnöder Nährstoff mehr. Es ist eine Lebenseinstellung, emotionale Identität in Becherform, cremiges Versprechen auf ein besseres, disziplinierteres Selbst. Im Internet spricht man bereits von der „CW-Sekte“. Wer heute einen Becher mit der Aufschrift „High Protein“ zur Kasse trägt, kauft keine Zwischenmahlzeit mehr, sondern ein spirituelles Ticket in den Olymp der Selbstbeherrschung. Das Label verleiht selbst dem simpelsten Milchprodukt einen unantastbaren Gesundheits-Heiligenschein. Ob die Rezeptur überwiegend aus Süßstoffen, Verdickungsmitteln und Aromen besteht, spielt dabei kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist allein das magische Wort: „Protein“. Man isst nicht mehr, man vollzieht ein Ritual dafür die Selbstbeherrschung.
Kostümfest im Kühlregal
Ganz normale Alltagsprodukte bekommen inzwischen ein sportliches Fitnesskostüm übergestreift. Und selbst Lebensmittel, die ohnehin von Natur aus eiweißreich sind, reichen dem Markt längst nicht mehr aus. Sie müssen künstlich, zum Spezialprodukt aufgeblasen werden. Nehmen wir den guten alten Harzer Käse. Generationen von Großeltern haben ihn schweigend und mit zugehaltener Nase gegessen, weil er billig war. Dann kommt plötzlich die Käserei Loose daher, schreibt „Protein Quäse“ auf die Packung und zack: Das exakt gleiche Produkt kostet auf einmal doppelt so viel. Der Käufer und Konsument zahlt bereitwillig eine saftige Proteinsteuer, nur um sich einzureden, er löffele flüssige Muskelmasse statt des bekannten Magerquarks.
Die Wissenschaft stört die Party
Dabei widerspricht der gesamte Hype weitgehend jeder wissenschaftlichen Grundlage. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) tippt sich seit Jahren kollektiv an die Stirn und wiederholt gebetsmühlenartig: Für die durchschnittliche Bevölkerung sind High-Protein-Produkte vollkommen überflüssig. Selbst Menschen, die dreimal pro Woche ins Fitnessstudio gehen und mehrere Stunden Sport treiben, benötigen in der Regel weder Proteinpulver noch Spezialpudding. Eine einfache Scheibe Brot mit Käse würde völlig reichen, aber die besitzt keine neonfarbende Verpackung mit Blitzsymbolen und trendigen Begriffen wie „Ultra Protein Maxx“.
Kollagen aus Hahnenkämmen zum Dessert
Stattdessen greift der moderne Großstadtathlet lieber zu hochverarbeiteten Industrieprodukten wie Proteinriegeln. Laut Öko-Test offenbart sich dort eine wahre Wunderwelt der Lebensmittelchemie: Von 20 getesteten Riegeln erhielten gerade einmal drei die Note „gut“. Der Rest bestand aus einer kreativen Mischung aus Süßstoffen, Aromen und besonders appetitlichem Kollagenhydrolysat gewonnen aus Rinderknorpeln oder Hahnenkämmen. Guten Appetit beim nächsten Workout. Aber Hauptsache, die Proteineinheiten stimmen, während andere mit hochrotem Kopf und dreifach überteuertem Spezial-Protein-Pudding im Bauch versuchen, die Rolltreppe zur U-Bahn zu bezwingen.
Suche nach Unsterblichkeit
Also vielleicht sitzen wir eines Tages wieder bei einer friedlichen und einfachen Brotzeit mit Käse ohne „High Protein“, „Maxx Power“ oder ähnlichem. Einfach nur Essen und keine Shakes. Doch bis dahin schieben weiterhin die trendigen selbstbeherschten „Sportler“ ihre Einkaufswägen gefüllt mit proteinangereichten Produkten durch die Supermarktgänge mit fester Überzeugung, dass diese Produkte sie unsterblich machen.
Und wenn sie nichts gefunden haben, dann stehen sie morgen früh wieder mit zittriger Hand vor dem Kühlschrank auf der Suche nach paar mehr Gramm Eiweiß.
Eine Glosse von Enya Sauer im Modul „Journalistische Darstellungsformen“ im Studium BA-SJ-32-H-VZ-KS
Quellen:
https://www.dge.de/presse/meldungen/2021/high-protein-produkte-sind-ueberfluessig/
https://www.brigitte.de/protein-hype–ist-zuviel-eiweiss-doch-schaedlich—14081714.html
Schlagworte: Alltagsprodukt, Eiweiße, Ernährung, Fitness, High-Protein-Produkte, Hype, Proteinpulver, Proteinriegel, Sportler, Trend





