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Fußball

Gabrianos Traum – vom Dorfverein zum Top Club

Ein Kindertransfer im Fußballgeschäft

Millionen Jungen weltweit träumen von der Karriere als Profifußballer. Welche Chancen diese Möglichkeit liefert und auf welche Risiken sich die Kinder mit ihren Familien vorbereiten sollten, spielt eine wichtige Rolle im Leben junger Talente. Aber wer ist vorbereitet? Und: Kann man sich überhaupt vorbereiten auf den Ausnahmezustand der Talente?

Veröffentlicht am 25. September 2017 von

Von Kopf bis Fuß in Rot, so kommt er daher, der kleine Gabriano. Nein, kein Fasching, sondern sein Outfit für diesen einen Tag, für dieses eine Spiel. Der nächste Spieltag steht an. Die U11 des FC Liverpool spielt. Der kleine Junge fiebert schon am Morgen darauf hin. Doch er fiebert noch etwas anderem entgegen: seinem Traum – eines Tages Profi beim großen FC Liverpool zu werden. Nur ist er damit nicht allein.  Millionen Jungs auf der ganzen Welt haben nichts anderes im Sinn. Profifußballer! Für die meisten bleibt der Traum unerreichbar.

Für Gabriano Shelton (10) jedoch scheint der Traum zum Greifen nah. Es ist noch nicht lange her, da war Gabriano nur einer der Spieler in der F-Jugend des SV Avenwedde. Er war sieben – und selbst für sein Alter besonders klein und schüchtern. „Affenwedde“, so sprechen es die Einheimischen aus, das ist der Dorfverein in einem Vorort von Gütersloh, der nicht zufällig ein Mufflon in seinem Wappen führt. Alte Geschichten! Auch in Avenwedde jedenfalls erkannte man, dass dieser Junge das nötige Potenzial und Talent hatte, einst bei seiner großen Liebe, dem FC Liverpool zu spielen. Gabriano konnte damals schon dribbeln, seine Spielfreude riss all mit, und da waren sein „Zauberfuß“ und sein hohes Tempo. Gabrianos Familie ist der Inbegriff des 12. Mannes und unterstützt ihn bei jedem Spiel. Nein, sie unterstützen ihn nicht – die Sheltons leben den FC Liverpool. Oder war es nur Zufall, dass der zweite Sohn der Familie El Niño heißt? Das ist der Spitzname des ehemaligen spanischen Nationalstürmers, Fernando Torres, der für Liverpool auf Torejagd ging. Zu jedem Training, zu jedem Spiel des Jungen treten seine Eltern und sein kleiner Bruder in Trikots des „LFC“ auf.

Vom Dorfverein in Avenwedde allerdings verschlägt es die Familie nach Zypern, wohin der Vater als Soldat der britischen Armee versetzt wird. Doch wer glaubt, dass der Fußball nun in den Hintergrund rückt, liegt falsch. Gabrianos Talent wird auch dort sofort bemerkt –  und schon nach kurzer Zeit läuft er für den bekanntesten und besten Verein des Landes auf – Apoel Nikosia. Als Vater Enrico wieder in die Heimat nach England stationiert wird, spielt Gabriano als 10-jähriger im 37 Kilometer nördlich von Liverpool gelegen Wigan. Nur wenig später geht es für ihn nach Manchester zu einem Auswahlturnier für junge talentierte Fußballer. Ganz schön viele Veränderungen für so einen kleinen Jungen. Und doch: Wer sticht als einer der Jüngsten bei so einem Turnier heraus, dass sogleich mehrere englische Top Clubs ihn wollen? Genau. Der kleine Gabriano mit dem Zauberfuß.

Sechs Wochen Probetraining in Liverpool, sind sein Lohn, bei seinem Lieblingsverein – mit anderen Worten: der Himmel. Nach nur zwei Wochen steht für den englischen Top Club fest: Diesen flinken kleinen Kerl, den müssen sie haben. „Es ist ein Privileg für meinen Lieblingsclub zu spielen“, freut sich Gabriano artig. Wie ein Profi fügt er hinzu, dass er Gott dafür danke. Gibt es etwa schon Medienschulungen für 10-jährige???

Auch Gabrianos drei Jahre jüngerer Bruder El Niño (7) wird beim „LFC“ aufgenommen. Ein gewisser Steven Gerrard freut sich über die talentierten Zuwächse. Nicht schlecht, wenn so eine Vereinslegende auf einen aufmerksam wird! Allerdings darf „der kleine Torres“ noch keinen richtigen Vertrag unterzeichnen, sondern nur ein symbolisches Papier, da die FIFA-Regeln besagen, Verträge dürfen erst ab dem neunten Lebensjahr unterzeichnet werden. Erst! Liverpool will sich an die Regeln halten. Unglaublich, aber wahr: Damit stellt der Verein eine echte Ausnahme dar.  Spanische, französische, ja eigentlich alle großen internationalen Vereine handeln mit Kindern im jungen Alter. Ein ziemlich offen geführter, moderner Menschenhandel – und das ist keineswegs nur ein Phänomen in den Top-Ligen Europas. Immer wieder werben Vereine um die kleinen Kicker aus aller Welt. Durch die stark gestiegen Ablösesummen auf dem Transfermarkt positionieren sich die Vereine immer früher, um die vermeintlich besten Spieler so günstig wie möglich zu bekommen. Aber rechtfertigt das den modernen Menschenhandel?

Gerade mal 0.01 % der Jugendspieler schaffen den Schritt zum Profi. „Es ist eine große Gefahr, dass man nur einer von vielen ist“, meint Vater Enrico. Die möglichen Stars von morgen fangen immer früher und viel zu oft an, ihre Kindheit komplett dem Fußball hinzugeben.

Marcel Clavey, mittlerweile 23 Jahre alt, war eines dieser Kinder. „Schule in Wolfenbüttel. Training in Wolfsburg beim VfL, schnell nach Hause, um die Hausaufgaben in Börßum machen – dann schlafen gehen, damit man am nächsten Tag wieder fit ist“, erzählt er. Über 100 Kilometer täglich. So sah ein normaler Tagesablauf für ihn aus. „Freizeit gab es kaum“, gesteht Marcel. Trotzdem scheint er stolz auf diese Zeit. Konnte er nur durch diesen Aufwand Profi werden?

Als Marcel seinem Traum zum Greifen nah schien, kam dieser eine eigentlich ganz normale Tag. Ein ganz normales Spiel, ein ganz normaler Zweikampf. Eigentlich. Nur das gerissene Kreuzband danach, das war nicht normal. Weg vom Fenster. Aussortiert. Vergessen.

Was passiert mit einem, wenn der Traum binnen einer Sekunde zerplatzt? Mund abputzen, neuanfangen, um einen Spruch von Oliver Kahn zu variieren? Doch nach einer weiteren Station bei der Eintracht in Braunschweig und vielen weiteren Verletzungen hatte er keine Chance mehr auf eine Profikarriere. Sein großer Traum – vorbei. „Ohne diese ganzen Verletzungen wäre vielleicht die Chance da gewesen. Aber das bringt alles nichts mehr“, sagt er resigniert. „Einmal Pech, wohl immer Pech.“

Gabriano und sein Bruder haben noch alles vor sich: Erfolge, Rückschläge, Schulterklopfer von unbekannten Gesichtern oder die Notwendigkeit, mit dem Druck umzugehen, der von allen Seiten kommt, von Trainern, Mitspielern, Eltern. Alle haben sie ihre Ansprüche, auch berechtigte, aber er hat nur seine zwei Füße, die Lunge und das Herz. Vater Enrico weiß um seine Verantwortung. Er sagt: „Wir werden die beiden immer unterstützen und motivieren. Aber am Ende des Tages sind es bloß zwei kleine Jungs, die nur das Spiel spielen wollen, das sie lieben.“ Und dennoch: „Wenn man zum ersten Mal neben einer Legende, wie Steven Gerrard in der Kantine am Tisch sitzt, realisiert man, was das eigentlich für eine riesige Sache ist“, – so schwärmt auch der eigentlich maßvolle Vater. Eine schwierige Balance. Leider ist die Einstellung der Sheltons ziemlich selten. Wie oft liest man, dass die Eltern junger Spieler sich mit dem Geld die Taschen füllen und unnötige Transfers tätigen. Spielt das Wohl der Kinder dabei überhaupt noch eine Rolle?

Für Marcel Clavey in Wolfsburg ist die Sache klar: „Obwohl meine Familie alles für mich gemacht hat, hat mir keiner Druck gemacht. Das sollte sie auch nie tun.“

Der Transfermarkt aber ist stärker: So verpflichtete der FC Barcelona zwischen 2009 und 2013 zehn minderjährige Spieler. Das hatte allerdings eine Transfersperre zur Folge. Viel zu oft wechseln die Kinder trotzdem, da der Familie Arbeitsstellen rund um den Verein zur Verfügung gestellt werden. Und das ist noch der beste Weg. Die Eltern kleiner Talente aus Afrika bespielweise müssen ihr Sorgerecht abtreten. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft ihrer Kinder. Nur was passiert mit ihnen? Viel zu oft: Nach vier Jahren – aussortiert!

Gabriano und El Niño haben das Glück, womöglich zu den wenigen Auserwählten zu gehören. Von der frühen Jugend bis zu den Profis beim FC Liverpool. Erst einmal. Nicht nur der Traum eines jeden Fußballromantikers, sondern auch der größte Traum der beiden Geschwister. Aber was passiert, wenn die beiden das gleiche Schicksal wie Marcel Clavey trifft?

Enrico gibt seinen beiden Söhnen etwas mit auf den Weg: „Es ist gut, diesen Traum zu haben, aber Fußball ist nur ein kurzes Kapitel im Leben, Jungs! Die Bildung aber nimmt einem niemand weg. Sie öffnet Türen im späteren Leben, im Leben nach dem Fußball.“ Enrico und seine Frau Shirese legen viel Wert auf die schulische Ausbildung ihrer Kinder. Dabei werden sie vom FC Liverpool unterstützt. Aber wollen die fußballverrückten Jungs überhaupt an etwas anderes denken?

Marcel Clavey hat auf den Rat seiner Eltern noch sein Abitur gemacht. Lieber hätte er ab 8 Uhr auf dem Rasen gestanden, anstatt die Schulbank zu drücken. Trotzdem eine gute Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellte. Obwohl es schwer war. Denn: Schulfreunde überhaupt zu finden ist nicht leicht, wenn man dauernd Training hat. Und mit dem Finden ist es nicht getan: Freundschaften wollen gepflegt werden, und niemand will die Entschuldigung, „Sorry, keine Zeit, hab‘ Training“, auf Dauer hören.

Dem Ziel treu bleiben. Das wird auf die beiden Kicker aus England noch zukommen. Das erste schlechte Spiel. Die ersten Zweifel. Die „erste große Liebe“, die alles durcheinanderbringt. Auf wen können sie sich stützen? Wer will nur vom eventuellen Erfolg profitieren, und wer unterstützt die beiden wirklich? Alles Fragen, auf die es für Gabriano und seinen Bruder momentan noch keine Antworten gibt. Ist vielleicht sogar gut so. „Denk dir nicht schon vorher alles kaputt“. Das müsste eigentlich in den Kinderzimmern der beiden auf einer Tafel geschrieben stehen.

Der zukünftige Bankangestellte Marcel hat mit seinem Fußball- Traum abgeschlossen. Er hat seine große Liebe gefunden, Freunde gewonnen und behalten –  und seine Ausbildung geschafft.

Welchen Weg gehen die beiden Sheltons? Wird ihnen in 15 Jahren das gleiche wie Marcel widerfahren? Oder stürmen Gabriano und El Niño in ein bis zwei Jahrzehnten gemeinsam für den FC Liverpool, während 54.000 Fans im Stadion an der Anfield Road das legendäre „You’ll never walk alone“ singen? Das Talent ist da, die Möglichkeit auch, und Eltern und Verein unterstützen die Jungs. Aber Clavey warnt: „Allein der Sprung von den Junioren zu den Profis war gewaltig. Sollte jemand glauben, dass er da locker spielen kann, der ist so ziemlich auf dem Holzweg.“

Enrico und Shirese hoffen. Doch falls das Schicksal Gabriano und El Niño einen Strich durch die Rechnung macht, wollen die Sheltons vorbereitet sein und einen Plan B in der Tasche haben. Leider denken viele Familien junger Fußballer nicht so weit in die Zukunft und verlieren die Realität aus den Augen. Das große Geld vor der Nase und der reine Blick auf die Karriere ihrer Kinder im Profifußball – genau das ist die Gefahr für viele junge Fußballspieler und ihre Familien zu Beginn ihrer Karriere. In einem Moment kann sich alles ändern.
Denn am Ende ist es doch „nur“ Fußball.


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Artikelinformationen


Datum: 25. September 2017
Veröffentlicht von:
Autor: Jan Eric Mergelkuhl & Max Schrader


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