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„Ob du Meister wirst, oder heute hier verlierst“

Heimspiel in Bremen – der Tabellenführer kommt. Werder empfängt RB Leipzig zum Fluchtlichtspiel am Samstagabend. Nach einem etwas holprigen Saisonstart taten dem, von Verletzungen dezimierten Team von der Weser, die letzten beiden Siege sehr gut. Dennoch wird es schwer werden gegen Leipzig etwas zu holen.

Veröffentlicht am 30. September 2019 von

Vor dem Bürgerhaus an den Weserterrassen am Bremer Osterdeich herrscht bereits am Samstagnachmittag reger Betrieb. Die Fans des SV Werder Bremen stimmen sich bei Bier und Bratwurst auf das bevorstehende Bundesligaspiel gegen Rasenballsport Leipzig ein. Die Stimmung ist gut. Werder hat nach dem etwas holprigen Saisonstart seine letzten beiden Spiele gewinnen können und scheint endlich auf Kurs zu sein. Mitten in der Menschenmenge, an einem Stehtisch, stehen Carsten und Uli. Die beiden haben lange weiße Haare, dicke Bierbäuche und grün-weiße Fankutten. In den vergangenen 20 Jahren haben sie kaum ein Heimspiel von Werder verpasst und stehen schon ihr ganzes Leben hinter dem Verein. Um sie herum wird lautstark über den heutigen Gegner aus Leipzig diskutiert, doch Carsten und Uli interessiert das nicht sonderlich. Uli meint: „Der Kohfeldt hat ganz andere Probleme als RB. Der Fokus sollte darauf liegen, eine halbwegs schlagfertige Truppe auf den Rasen zu bekommen.“ Carsten, der von Uli nur Calle genannt wird, nickt und fügt an: „Jetzt hat sich ja sogar noch Lücke verletzt, dann ist Jojo Eggestein vorne ja fast auf sich allein gestellt. Jetzt fehlen insgesamt schon etwa zehn Spieler verletzt“. Zur mehr als unnötigen gelb-roten Karte von Nuri Sahin in der Nachspielzeit in Berlin können beide nur mit den Köpfen schütteln: „So dämlich kann sich doch nun wirklich keiner anstellen, zwei gelbe Karten in einer Minute zu bekommen. Und das bei der aktuellen Personalsituation.“

Die Bremer Ostkurve

Es ist mittlerweile 17 Uhr, also begeben sich Uli und Carsten so langsam in Richtung des Eingangs der Ostkurve des Bremer Weserstadions. Dass das nun offiziell Wohninvest Weserstadion heißen soll, interessiert die beiden überhaupt nicht. Sie verstehen, dass dies dem Verein finanziell neue Möglichkeiten eröffnet und nennen das Stadion unter sich ohnehin weiter Weserstadion. Vor den Einlasskontrollen zu den Stehplätzen herrscht bereits großer Andrang. Alle wollen möglichst gute Plätze bekommen, um den Spielern bereits beim Auswärmen so nah wie möglich sein zu können. Nachdem die Biere geleert wurden, gehen die Fans durch die Kontrollen in die Ostkurve. Beim Betreten der Kurve spüren beide direkt die angeheizte Stimmung. Jeder hier scheint Bock auf dieses Spiel zu haben und möchte den SV Werder unterstützen. Auf der Gegenseite, im Oberrang der Westkurve befindet sich der Auswärtsblock, für die mitgereisten Fans aus Leipzig. Wie von den meisten hier erwartet, sind diese nicht sonderlich zahlreich erschienen. Gerade einmal 1000 Auswärtsfans sind mit nach Bremen gereist und das, obwohl es ja aktuell sportlich so gut läuft für RB. In der Ostkurve sorgt das nur für Gelächter. Zum Vergleich: Am kommenden Samstag werden in etwa 9000 Bremer Fans die Mannschaft nach Dortmund begleiten.

Jetzt betreten die Bremer Spieler den Rasen und beginnen mit ihrem Aufwärmprogramm. Sofort wird die Aufmerksamkeit der Fans von den Leipzigern weg, auf das eigene Team umgeleitet und der Support beginnt. Die einzelnen Spieler werden angefeuert, sodass jeder heiß auf das Spiel ist. Die Anheizer auf dem Zaun geben wie immer den Gesang vor. Nach dem Aufwärmen verschwinden die Spieler nochmal kurz und dann beginnt das Einlaufen für das Spiel und pünktlich um 18:30 Uhr pfeift Schiedsrichter Tobias Stieler die Partie an. Die Kurve ist bereits warm gesungen und so ist die Unterstützung mal wieder perfekt. Jeder singt mit und sorgt somit für eine Stimmung, die hoffentlich den nötigen Vorteil für die Bremer Mannschaft liefern kann.

Stimmung trotz Niederlage

Doch es kommt alles ganz anders als erhofft. Bereits in der 13. Spielminute liegt der Ball im Tor von Jiri Pavlenka. Nach einer Ecke hatte Willi Orban eingeköpft. Das lässt die Fans verstummen, da sich hier selbstverständlich jeder einen anderen Start erhofft hatte. Doch mit dem Anstoß sind alle wieder voll da und singen den SV Werder nach vorne. Nach ein paar Minuten stimmt Calle dann sein Lieblingslied an und nach kurzer Zeit singen tausende mit:

Egal wo du auch spielst,

sind wir mit dabei,

unsere Fahnen wehen,

nur für Grün und Weiß,

die Kurve singt für dich,

egal was auch passiert,

ob du Meister wirst,

oder heute hier verlierst.

SVW Ole, Ole Ole Ole,

SVW Ole, SVW Ole Ole!

Dieses Lied spiegelt die Einstellung vieler hier wahrscheinlich sehr gut. Egal ob das heutige Spiel verloren geht oder Werder jedes Spiel gewinnt, die Fans werden immer hinter der Mannschaft und dem Verein stehen. Ein sehr schönes Statement, meint auch Uli. Dennoch läuft es auf dem Rasen unter uns weiter nicht gut für Werder. In der 35. Spielminute verwandelt Marcel Sabitzer einen Freistoß aus 32 Metern direkt, sodass die Gäste mit einer komfortablen 2-0 Führung in die Halbzeit gehen. In der Halbzeit holt Uli noch zwei Bier und beginnt mit seinem Kumpel, wie immer sehr angeregt, über die Ereignisse auf dem Platz zu diskutieren. Doch trotz des Spielstands und der deutlichen Überlegenheit der Gäste, glauben die beiden noch an ein „Wunder von der Weser.“

Nach etwas mehr als einer guten gespielten Stunde wird es dann wieder etwas lauter und das ganze Stadion erhebt sich. Die Bremer Legende Claudio Pizarro kommt für Johannes Eggestein ins Spiel. Auf seiner noch immer vorhandenen individuellen Klasse im Abschluss ruhen jetzt die Hoffnungen. Direkt im Anschluss an den Wechsel sieht der Leipziger Laimer nach einem Handspiel die gelb-rote Karte, was die Euphorie in der Kurve noch weiter anheizt. Jetzt sind alle heiß, um die Leipziger in der Schlussphase zu jagen, bis der Ball im Tor ist. Jeder auf der Tribüne spürt die jetzt vorhandene Chance der Mannschaft und wird nochmals lauter, um dem Team eine zweite Luft zu verschaffen.

Doch es kommt alles ganz anders. RB spielt trotz der Unterzahl sehr ballsicher weiter und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Dann folgt nach einem sauber vorgetragenen Angriff das 0-3 aus Bremer Sicht und damit der KO-Schlag. Marcelo Saracchi trifft, nachdem Pavlenka den Ball von Haidara noch parieren konnte. Mit diesem Tor ist die Luft raus. Jetzt glauben selbst die größten Optimisten nicht mehr an einen Punktgewinn. Doch Uli und Kalle feuern die Jungs auf dem Rasen weiter an. „Die Jungs haben gut gekämpft und alles gegeben, das sollten wir anerkennen, auch wenn wir verlieren.“

Nach Abpfiff verlassen die Freunde dennoch ein wenig gefrustet das Stadion. Sie hatten sich, speziell in Überzahl, erhofft, dass Werder nochmal rankommt, aber dafür hat wahrscheinlich dann auch die Kraft nicht mehr ganz gereicht. Trotzdem hat Ihnen die Stimmung in der Kurve 90 Minuten lang Spaß gemacht und alle sahen eine engagierte Leistung der noch sehr jungen Mannschaft. Insbesondere der Startelfdebütant Benjamin Goller hat Uli imponiert. Sie lassen sich von den Menschen um sie herum durch die Straßen vom Stadion weg zum Bahnhof treiben und setzen sich noch auf ein Bier in einen Irish Pub, um mit ein paar Fans über das Spiel zu sprechen. Hier lassen sie den Abend nach einem Heimspiel, wie so häufig, entspannt ausklingen.

 

Links:

https://www.kicker.de/4588699/ticker/werder-bremen-4/rasenballsport-leipzig-15778

https://www.transfermarkt.de/sv-werder-bremen/startseite/verein/86

https://www.transfermarkt.de/rasenballsport-leipzig/startseite/verein/23826

https://www.dierotenbullen.com/

https://infamousyouth.org/infos/lieder-der-kurve/

 

Eine Reportage von Albrecht von Estorff (Sportjournalismus & Sportmarketing SJ-BA-12-H-VZ, Modul Sportlehrredaktion 1)


Schlagworte: Benjamin Goller, Claudio Pizarro, Fankultur, Florian Kohfeldt, Jiri Pavlenka, Johannes Eggestein, Nuri Sahin, Osterdeich, RB Leipzig, SV Werder Bremen, Weserstadion

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Datum: 30. September 2019
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