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Süden, wir kommen!

Leonie Stenzel von den Wolfsburger Fußballfrauen will mehr.

Leonie Stenzel, 20 Jahre, stammt aus Almke bei Wolfsburg. Die Mittelfeldspielerin ist Teil einer 22-köpfigen Mannschaft. Wir durften sie auf einer Auswärtsfahrt nach Potsdam begleiten.

Veröffentlicht am 14. Oktober 2017 von

Sonntag früh. Ihr ist kalt, die Heizung läuft noch nicht auf Hochtouren. Draußen dämmert es. Verschlafene Augen, wohin sie schaut. Flüstern, manchmal wird es lauter, vorbeirasende Autos da draußen, im Bus das abstreifende Geräusch, wenn Spielkarten aus einem Blatt gezogen werden, Knöpfe, die auf dem Nintendo gedrückt werden. Um sie herum Mainstream Pop aus dem Radio zu hören. Neben ihr schläft jemand. Vor ihr werden Spielkarten jetzt gemischt und einige versuchen angestrengt, für das Studium oder ihre Ausbildung zu lernen.

Es ist ein ganz normaler Sonntagmorgen für Leonie Stenzel und ihre Kameradinnen. Sie spielt seit mehr als drei Jahren für die 2. Frauenfußballmannschaft des VfL Wolfsburg.

Den ersten Stopp haben die jungen Frauen des VfL Wolfsburg nach einer Stunde hinter sich. Einige verlassen den inzwischen warmen Bus, um sich einen Kaffee an der Tankstelle zu holen. Manche Kunden der Tankstelle wundern sich über die jungen Damen in den schwarzen Trainingsanzügen. Auf ihren Rücken prangt das Logo von Volkswagen und vorne erahnt man das grün-weiße Wappen des Clubs.

Andere haben die Pause verschlafen.

In einer Stunde kommen die jungen Frauen endlich an. Ihr Ziel: Potsdam. Ihre Mission: Drei Punkte. Ihr Gegner: Die zweite Mannschaft von Turbine Potsdam.

Die Fahrt nach Potsdam wird für die 20-jährige Leonie Stenzel bald zu den kürzeren gehören.

Fahrten bis nach München, in den Breisgau stehen bevor.

Sie greift unter ihren Sitz, um die dunkle Sporttasche hervorzukramen. Sie nimmt ihre Wasserflasche heraus. Im Blickwinkel hat sie ihre Fußballschuhe. Was für eine Aussicht, dass Leonies Fußballschuhe bald den Rasen in der ganzen Republik kennen werden!

Ab der Saison 2018/2019 sind nicht nur die Auswärtsfahrten länger, auch das Spielniveau wird höher. Ab dann gibt es nicht mehr die 2. Frauenfußballbundesliga Staffel Nord und Süd; von nun an haben es die Spielerinnen mit einer eingleisigen zweiten Bundesliga zu tun, wie im Männerfußball auch.

Sie freut sich auf ein höheres Spielniveau, weil sich die Besten aus der Staffel Nord und Süd begegnen.

Der jetzige Alltag ist für die 20-jährige schon knackig vollgepackt. Neben ihrer Fußballkarriere arbeitet sie wie viele andere Fußballerinnen auch.

Morgens macht sie sich früh auf den Weg zur Arbeit. Zeit zum Essen bleibt kaum, denn dann geht es direkt zum Training. Fünf Tage in der Woche laufen für die Wolfsburgerin gleich ab. Zeit, um sich auszuruhen, bleibt innerhalb der Woche abends kaum. Der Samstag ist meistens frei.

Durch die eingleisige zweite Bundesliga ändert sich, laut Stenzel, an ihrem Alttag kaum etwas „Vielleicht ein Training mehr in der Woche, aber groß wird sich nichts verändern, außer natürlich die Fahrt für die Auswärtsspiele, die eine Menge Zeit in Anspruch nehmen werden.“

Fahrten nach München, Freiburg, Leverkusen, Sand und Hoffenheim sind möglich, Leonie Stenzel sieht das nicht als Belastung, sondern als Chance, mehr rauszukommen.

Was sich sonst noch ändert? Die Zeit wird es zeigen, meint Leonie Stenzel gelassen.

Der Bus wird langsamer, die nächste Ausfahrt ist die richtige. Mittlerweile sind alle Spielerinnen aus ihrem Schlaf erwacht. Die Helligkeit des Himmels strahlt ihnen entgegen. Die Diskussion nimmt im Gegensatz zum Bus an Fahrt auf. Was sind die Vorteile, was die Nachteile der neusten Entwicklung? Wie geht es weiter? Leere Kaffeebecher werden zerknüllt, die Nintendos ausgeschaltet und die Kartenspiele weggepackt. Einige haben ihre Kopfhörer von den Ohren genommen und beteiligen sich an den Gesprächen im Bus. Es wird lauter.

Stenzel sieht die zweite Liga als Sprungbrett, um eine erfolgreiche erste Liga zu bieten. Der Punkteabstand zwischen Aufsteigern und dem Rest der Liga wird niedriger werden.

„Es sind dann die besten aus der Nord- und der Südstaffel in einer Liga. Das wird sich schon bemerkbar machen.“, meint die Wolfsburgerin.

Sie wirft ein, dass die neugestaltete Liga der Entwicklung des Frauenfußballs nur hilft. Das Spieltempo wird höher und ähnelt eher dem aus der ersten Liga. Es bietet die Möglichkeit, junge Spielerinnen früh zu fördern und ihnen somit den Weg in die erste Mannschaft zu erleichtern.

Während vereinzelt Mannschaften mit fünf Punkten aus der ersten Liga abgestiegen sind, soll die neue Liga dabei helfen, den Punktabstand zu verringern. Dadurch werden die ersten beiden Ligen interessanter, hofft Leonie Stenzel –  und die positive Entwicklung des Frauenfußballs wird kraftvoller werden..

Auch auf dieser Fahrt melden sich Kritikerinnen. Besonders die älteren Spielerinnen machen sich Sorgen um die Zukunft. Bis zu der Saison 2018/2019 gibt es keine Altersbeschränkung. Ab der kommenden Saison muss eine Mannschaft als U-20 Team aufgestellt sein. Es dürfen höchstens drei Spielerinnen dabei sein, die diese Altersklasse überschreiten. Stenzel sieht diesen Punkt sowohl positiv als auch negativ. Erstaunlich, wie ausgeglichen die junge Frau mit dem offenen Gesicht wirkt, wie nachdenklich sie argumentiert. Sie streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht, sie lässt sich Zeit, bevor sie antwortet. Schließlich gibt man so jungen Spielerinnen die Chance, sich früh weiterzuentwickeln und an Erfahrung dazuzugewinnen, ist ihr Argument – aber man schließt damit auch viele ältere Spielerinnen aus, alle, die aus verschiedenen Gründen nicht in der ersten Mannschaft mitspielen können – Es geht hin und her.

Der Bus verlässt die Autobahn und steuert den Sportpark an. Noch 12 Kilometer bis nach Potsdam. Dort stellen sie sich dem jetzigen Tabellenzweiten.

Stenzel wird, wie ihre Kolleginnen, alles geben. Schließlich geht es um die Qualifikation für die zweite Liga.

Die Spielerinnen ziehen an einem Strang, um ihr gemeinsames Ziel – Zweite Liga – zu schaffen. Nur 14 Mannschaften werden zukünftig dort auf Torejagd gehen. Sieben Mannschaften aus Nord und Süd schaffen die direkte Qualifikation.

Und wenn die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg die Qualifikation schafft, führt sie der Weg vielleicht nicht nur nach Potsdam sondern auch nach München und in den Breisgau.

Nun ist das Sportforum schon ausgeschildert. Der Bus biegt ein paar Meter weiter in die Auffahrt zu den Parkplätzen ein. Kaum Menschen zu sehen. Ein paar Mitarbeiter verlieren sich in dem Grau und Grau. Autobahnen, gähnende Rastplätze, Busse, in denen eigentlich immer zu wenig Platz für den alltäglichen Kram ist. Spielerinnen, die ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Sorgen und Träume haben – jede für sich. Klingt das nicht anstrengend? Für Leonie Stenzel ist es die Verheißung. Da wird die Autopiste zu einer Startbahn, der Parkplatz zum Ausgangspunkt für einen Aufstieg. Alles sieht gut aus, wenn man an die Zukunft glaubt.

Das Sportforum Waldstadt ist erreicht. Der Bus bleibt ächzend stehen. Leonie Stenzel tritt aus dem Bus. Eine Plastiktüte weht vorbei. Nicht einmal die nimmt sie wahr. Nichts kann sie mehr von dem bevorstehenden Spiel ablenken. Entschlossen wirft sie sich die Tasche über die Schulter. Das Thema der Busfahrt rückt für den Moment in Vergessenheit. Bei Männermannschaften würde man jetzt die gröhlenden Fans kommen hören – hier melden sich die treuesten Freunde, die Familien

Das Team bespricht fokussiert die Taktik. Beim Rundenlaufen geraten die Wölfinnen langsam ins Schwitzen. Dehnübungen, Ballübungen, Schießen. Die Temperatur steigt. Punkt 14 Uhr ertönt ein schriller Pfiff: Das Spiel beginnt. 90 Minuten, um alles zu geben. Das Ziel: Drei Punkte. Das bleibt gleich, egal in welcher Liga.

Sonntagnachmittag. Niemandem ist mehr kalt.


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Artikelinformationen


Datum: 14. Oktober 2017
Veröffentlicht von:
Autor: Louisa-Maria Reinhardt & Katharina Weykopf


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