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Zwischen Neuanfang und Insolvenz

Schulden, Machtkämpfe, Führungschaos. Anfang des Jahres stand der FC Rot-Weiß Erfurt vor einem Scherbenhaufen. Es drohte der Neubeginn unter einem neuen Namen in der elften Liga, doch das Horrorszenario konnte abgewendet werden und es folgte ein sportlicher Komplettumbruch im Sommer. Gerettet ist Thüringens ehemaliger Vorzeigeklub aber noch lange nicht. Die Hauptstädter befinden sich weiterhin in der Insolvenz und stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Veröffentlicht am 23. September 2018 von

Rot-Weiß Erfurt besiegt am 8.Spieltag der Regionalliga Nordost Optik Rathenow mit 5:0. Für die Thüringer ist es der zweite Heimsieg in der laufenden Saison. Auch wenn der Drittliga Absteiger derzeit nur Rang fünf belegt, so sind Fans, Spieler und Funktionäre froh, dass bei den Hauptstädtern, nach turbulenten letzten Monaten, wenigstens Regionalliga Fußball angeboten werden kann. Was war passiert?

Rückblick

Vor gut einem halben Jahr sah es für Rot-Weiß richtig dramatisch aus. Den Verein belasteten 6,5 Millionen Euro (jetzt 6,8 Millionen) Verbindlichkeiten. Die Büroräume der Geschäftsstelle mussten geräumt werden, weil RWE seit Monaten die Miete in Höhe von 4.000 Euro nicht mehr aufbringen konnte.

Sogar der Spielbetrieb war gegen Ende der letzten Drittliga Saison akut gefährdet, weil die Rot-Weißen die fällige Stadionmiete von 16.500 Euro pro Heimspiel schlicht und ergreifend einfach nicht mehr stemmen konnten, weshalb der Mietbetrag für die letzten sechs Heimspiele auf 2.500 Euro gesenkt wurde.

Tatsachen, die auch an der damaligen Mannschaft nicht spurlos vorbeigingen. Seit Februar konnte der Verein seinen Spielern die Gehälter nicht mehr zahlen (mittlerweile werden die Gehälter wieder gezahlt). Drei Spieler die damals in der Winterpause kamen erhielten, aufgrund der finanziell extrem angespannten Situation im Verein, nur einen Amateurvertrag.

Sportlich lief es für die Thüringer in dieser Zeit auch nicht besser. Drei verschiedene Trainer, zwei Sportdirektoren und ein gefeuerter Manager. Folge: RWE beendete die Saison 2017/18 nach mehreren Punktabzügen abgeschlagen als Tabellenletzter. Der Dino der dritten Liga verabschiedete sich nach zehn Jahren in Liga drei aus dem Profigeschäft.

Der Neuanfang ist eingeleitet

Der unvermeidbare, daraus resultierende, sportliche Umbruch erfolgte dann im Sommer. 24 Abgänge und 19 Neuzugänge. Hinzu kam die Verpflichtung von Ex-Bundesliga Profi Thomas Brdaric. „Die Region lechzt nach Fußball. Rot-Weiß ist ein Verein, der total im Fokus der Menschen in und um Erfurt steht. Auch auf mich übt es einen großen Reiz aus, hier etwas aufzubauen. Wir haben die Vision, den Verein gestärkt zurückzuführen ins Profigeschäft“, verkündete Brdaric in einem Gespräch mit der TAZ.

Der ehemalige Wolfsburger übernahm im Sommer das Traineramt von Stefan Emmerling und hat es geschafft aus einer Mannschaft, die sozusagen nur aus Neuverpflichtungen bestand, ein echtes Team zu formen auch wenn der Erfolg, bislang, überschaubar ist. Für Brdaric jedoch kein Problem. „Wir wollen mit einem nachhaltigen Konzept Spieler entwickeln, um später davon profitieren zu können. Es gilt, Tradition mit Innovation zu verbinden“, erklärte der 43-Jährige in einem Interview mit der Thüringer Allgemeinen Zeitung.

Nach acht Spieltagen rangiert die Brdaric Elf mit 14 Punkten auf Rang fünf in der Regionalliga Nordost. Einen direkten Wiederaufsteig scheint es allerdings nicht zu geben. Der Abstand zu Tabellenführer Chemnitz beträgt bereits satte zehn Punkte. Dazu stehen die Thüringer nach einem 8:1 Erfolg über den SC Großengottern im Achtelfinale des Thüringenpokals (14.10.2018), wo sie es nun mit Ligakonkurrent Wacker Nordhausen zu tun bekommen.

„Rot-Weiß Erfurt hat allen Grund zur Demut“

Im wirtschaftlichen Bereich gibt es ebenfalls Neuigkeiten, auch wenn diese nicht unbedingt so erfreulich sind, wie aus der Gläubigerversammlung vom 23.August hervorging. Dort veröffentlichte Insolvenzverwalter Volker Reinhardt neue Wasserstandsmeldungen zur wirtschaftlichen Lage des Vereins. „Der Verein hat mit Stand am 23. August 132 Gläubiger. Das kann sich im Laufe des Verfahrens noch steigern, wenn noch Forderungen nachfolgend angemeldet werden. Und die angemeldeten Forderungen belaufen sich auf rund 6,8 Millionen Euro“, so Volker Reinhardt im Interview mit dem MDR.

Die Erkenntnisse: Nicht nur der Verein hat viel Geld verloren, sondern auch ihre Gläubiger. Jeder bei dem RWE Schulden hat erhält aus der Insolvenzmasse nur 2% von dem was er eigentlich zu bekommen hat, weil bei dem Verein einfach nicht mehr zu holen ist. „Ich konnte nur eine sehr geringe Insolvenzmasse vorfinden. Vor allem die übernommenen Liquiditätsbestände. Weiteres Vermögen hat der Verein nicht. Deswegen konnte ich den Gläubigern auch nur eine sehr geringe Quote von zwei Prozent in Aussicht stellen“, sagte Reinhardt gegenüber mdr.de.

Neue Köpfe für den Verein

Knapp vier Monate nach dem bitteren Abstieg aus Liga drei bastelt der FC Rot-Weiß Erfurt nun kräftig an der Zukunft des Vereins. Anfang September wurde auf der Mitgliederversammlung, mit großer Mehrheit (178 Ja-Stimmen, 33 Nein-Stimmen), ein neuer Aufsichtsrat, bestehend aus Dirk Eßer (Ärztlicher Direktor des Helios-Klinikums Erfurt), Roman Kerber (Geschäftsführer des Hauptsponsors „Autohaus König), Steffen Böhm (Rechtsanwalt), Robert Conrad (Unternehmensberater), Heiko Grentzel (ehemaliger Langtagsabgeordneter) und Tobias Hagemann (Thüringer Aufbaubank), gewählt.

Nach der Wahl kündigte Eßer in einem Gespräch mit der TLZ an welche Ziele der neue Aufsichtsrat verfolgen will. „Unser Augenmerk wird auf der wirtschaftlichen Stabilisierung des Vereins liegen und auf dem Erhalt und der Förderung des Nachwuchsleistungszentrums.“ Doch bis zum Ende des Insolvenzverfahrens bleibt die volle Entscheidungsgewalt erstmal bei Insolvenzverwalter Volker Reinhardt der den Verein, nach turbulenten Monaten, wieder stabilisieren soll.

RWE bleibt weiterhin zerrissen

Während der Veranstaltung kam es allerdings zu einem wahren Eklat. Nach hitzigen Diskussionen, mehreren Wortmeldungen und gegenseitigen Vorwürfen zog Kandidatenliste 2 ihre Bewerbung zum neuen Aufsichtsrat zurück. Unmittelbar danach verließ Kandidatenliste 2 zusammen mit Ex-RWE Präsident Frank Nowag und einigen Fantretern die Veranstaltung.

Danach konnte nur noch abgestimmt werden ob Kandidatenliste 1 (Eßer, Kerber, Böhm, Konrad, Grentzel, Hagemann) zum neuen Aufsichtsrat gewählt wird, oder nicht. Insolvenzverwalter Volker Reinhardt stellte jedoch das Positive in den Vordergrund. „Eines hat die Veranstaltung gezeigt: nämlich, dass Rot-Weiß lebt!“, so das Resümee des 60-Jährigen Mannheimers gegenüber der TLZ.

Fazit

Die größte Herausforderung besteht für die Thüringer auf wirtschaftlicher Seite. Erfurt befindet sich weiterhin in der Insolvenz und der Etat für die laufende Spielzeit ist noch nicht gedeckelt. Das komplette Insolvenzverfahren wird laut Reinhardt noch mindestens ein halbes Jahr andauern. Um den Verein mit neuen Geldern zu versorgen hält RWE´s Insolvenzverwalter die Ausgliederung der Profiabteilung für unausweichlich. „Ohne Investoren von außen kann der Verein nicht überleben“, wird Reinhardt auf mdr.de zitiert. Eine Entscheidung darüber steht noch aus.

Sportlich gesehen hat sich der FC Rot-Weiß Erfurt von den enttäuschenden letzten Monaten erholt. Nach einem Sommer voller Zu- und Abgänge befindet sich das Team im oberen Drittel der Tabelle und wird in dieser Saison mit dem Ab-, bzw. Aufstieg nichts zu tun haben.

Aufgrund des massiven personellen Umbruchs ist deshalb eine Rückkehr in Liga drei für die nächsten Jahre geplant. „Es geht für uns erst einmal darum, dass die Leute wieder mit Freude ins Stadion gehen und wir ihnen dort attraktiven Fußball bieten. Wir treten mit einem mehrjährigen Plan an, an dessen Ende die Rückkehr des Vereins in den Profifußball stehen soll“, wie Trainer Thomas Brdaric der Thüringer Allgemeinen verriet.

Wie zufrieden sind die Fans des FC Rot-Weiß Erfurt mit dem Neuanfang und der bisherigen Saison?

Ein Bericht von: Christian Rüdiger

(Sportlehrredaktion II BA-SJ-08-H-VZ)

Quellen:

https://www.mdr.de/sport/fussball_rl/mitgliederversammlung-rot-weiss-erfurt-102.html

https://www.transfermarkt.de/rot-weiss-erfurt/rekordabgaenge/verein/111/plus/0/galerie/0?saison_id=2018&pos=&detailpos=&w_s=s

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/rot-weiss-erfurt-glaeubigerversammlung-100.html

https://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/sport/detail/-/specific/Insolvenzverwalter-Volker-Reinhardt-Rot-Weiss-Erfurt-hat-allen-Grund-zur-Demut-636794268

https://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/sport/detail/-/specific/Der-Saison-Etat-des-FC-Rot-Weiss-Erfurt-ist-noch-nicht-gedeckt-951936079

https://www.mdr.de/thueringen/mitte-west-thueringen/erfurt/rwe-krise-mit-folgen-fuer-insolvenz-100.html

https://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/sport/detail/-/specific/Insolvenz-bei-Rot-Weiss-Erfurt-Viel-Geld-verloren-937897400

https://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Aufsichtsrat-des-FC-Rot-Weiss-Neuanfang-mit-neuen-Koepfen-384272368


Schlagworte: 3. Liga, Abstieg, Aufstieg, Fußball, Insolvenz, Projekt Wiederaufstieg, Regionalliga, Rot-Weiss Erfurt

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Datum: 23. September 2018
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