Fußball
Bierpreisbremse
Während Politik und Wirtschaft über Mietpreisbremse, Schuldenbremse und Strompreisbremse diskutieren, bleibt die wichtigste gesellschaftliche Frage unbeantwortet. Wer schützt den Fußballfan vor horrend steigenden Bierpreisen im Stadion?
(Hannover.) An manchen Orten auf dieser Welt sind Menschen ohne Hemmungen bereit, Geld auszugeben. Dazu gehören Flughäfen, Weihnachtsmärkte und eben auch das Fußballstadion. Eine Pilgerstätte welche für viele zum festen Bestandteil der Woche gehört. Der Besuch am Wochenende ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche. An keinem Ort sind Freud und Leid so nah beieinander, nicht einmal am Roulettetisch.
Die „Bierarten“
Doch im Stadion herrscht mittlerweile eine Preisentwicklung bei der sogar Jetset-Jürgen schlucken muss. Früher konnte man sich mit dem zufällig in der Hosentasche gefundenen Kleingeld noch ein kühles Blondes kaufen. Heutzutage muss man vorher seine Aktien verscherbeln, um sich einen halben Liter Bier leisten zu können. Durch den Preis schmeckt die Errungenschaft nur noch wie drei lauwarme Schlucke Hoffnung. Das Problem ist: Egal, ob das favorisierte Team gewinnt oder verliert, der Männersmoothie gehört dazu. Je nach Spielverlauf wird es das Frustbier oder der Freudentrunk. Fakt ist: beim Fußball gibt es immer gute Gründe für ein Bier. Genau deswegen werfen Familienväter im Stadion auch mit Geld um sich wie Rapper in ihrem Musikvideo.
Der „Bierumgang“
Trotz der mittlerweile enormen Preise gibt es wohl kaum einen anderen Ort an dem mehr Bier auf dem Horizont der Ameisen landet als im Stadion. Egal ob der Becher aufgrund eines Tores ein paar Reihen nach vorne wandert, der stolze Besitzer angerempelt wird oder er schon zu viel Promille hat, um den schaumigen Schatz sicher zum Platz zu befördern, Risiken gibt es genug. Verlässt man die Theke beginnt eine Multitasking-Aufgabe, bei der der primitive Fußballfan sich für einen kurzen Augenblick hochbegabt fühlt. Aufmerksamkeit und Sehorgane rotieren zwischen dem Becher in der Hand, den Hindernissen vor ihm und den Ereignissen auf der Grünfläche. Irgendetwas wird passieren entweder aus völliger Ekstase oder purer Tollpatschigkeit heraus.
Die „Biermentalität“
Außerhalb des Fußballuniversums würde sich niemand für ein paar Minuten anstellen, um ein Brötchen zu kaufen, sondern lieber auf das Teigkissen verzichten oder eine andere Filiale ansteuern. Betritt man jedoch die heiligen Hallen des Stadions verschwindet diese pure „Ungeduldswut“. Egal wie viele betrunkene und stinkende Fußballfans anstehen man reiht sich trotzdem ein und wartet seelenruhig, bis man drankommt. Dabei gibt es sogar viele Fans, die sich zum Ärger der Sitznachbarn schon vor dem Halbzeitpfiff auf die Reise zur Theke machen nur um die Pole-Position zu ergattern.
Die „Bierfreunde“
Eine Nebenwirkung, die durch den Alkohol ausgelöst wird, kann die plötzliche Offenheit gegenüber anderen sein. So ist es allseits bekannt, dass es betrunken leichter fällt sich in nahezu unendliche Gespräche zu verwickeln. Ob in der Würstchenschlange oder auf dem Klo, man trifft im Stadion auf viele betrunkene Menschen. Und die teilen zu einem hohen Prozentsatz auch die Liebe für den gleichen Verein. So bedarf es meist nur der Zeitspanne eines Augenzwinkerns und sie quatschen über Gott, die Welt und warum es einen neuen Trainer braucht. In diesen Momenten sind Probleme, Sorgen und sogar der Bierpreis vergessen und das Gegenüber scheint auf einmal die coolste Person auf Erden zu sein. Zurück auf dem Platz wird den Kollegen dann direkt über den neuen „Bierfreund“ berichtet.
Diese Bierglückseligkeit muss geschützt werden! Die Bierpreisbremse muss her, damit solche Momente nicht aussterben. Alternativ müssen sich die Verantwortlichen, wenn sie den Bierpreis erhöhen, für eine Halbzeit zu den Fans in die Kurve stellen und ihnen Rede und Antwort stehen. Dabei würden sie bestimmt auf ein Bierchen eingeladen werden.
Eine Glosse von Paul Muschalik (Modul: Journalistische Darstellungsformen Kurs: BA-SJ-32-H-VZ-KS)
Schlagworte: Bier, Fans, Geld, Halbzeitshow, Sommerpause, Stadion





