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Heiligtum in Grün: Wo Grashalme mehr Pflege erhalten als wir
Es gibt Menschen, die flüstern respektvoll an bestimmten Orten. Bibliotheken, Kirchen, Trauerfeiern oder in deutschen Fußballstadien kurz vor Spielbeginn. Nicht wegen der Fans, sondern wegen des Rasens.
(Hannover.) Perfekt gestreift, millimetergenau gemäht und beheizt wie in einem Wellnesshotel. Der moderne Fußballrasen ist längst mehr als nur ein Untergrund. Zwischen Hightech, Halmpflege und Millioneninvestitionen wird deutlich: die wahren Stars Fußball sind nicht die Spieler, sondern die 8.000 Quadratmeter Grünfläche darunter.
Einst Acker und heute bequemer als das eigene Sofa
Früher wurde einfach an jedem Ort, bei jedem Wetter und zu jederzeit Fußball gespielt. Auf staubigen Ascheplätzen, holprigen Dorfwiesen oder in einem Stück Grün hinter der Schule, das mehr Löcher als Halme aufwies. Wichtig sind dabei nur ein Ball und 2 Tore.
Ein Fußballplatz ist bei weitem nicht nur eine größere Gartenwiese. Wer das denkt, liegt gründlich falsch. Der moderne Fußballrasen ist kein normales Gras, sondern ein hochgezüchteter Hochleistungssportler, der eine Pediküre erhält, von der wir Sterbliche nur träumen können. Während der heimische Rasen im Sommer meist schüchtern braun wird, liegt der Stadionrasen auf einer Bodenheizung, die in der Bundesliga sogar Pflicht ist und Frost bis zu -15 Grad standhält. Ja richtig mit Heizung. Während einige Fans im Winter mit dicken Socken vor dem Fernseher sitzen, hat der Stadionrasen eine eigene Fußbodenheizung.
Die emotional am stärksten belastende Arbeitskraft
Ein hochklassiger Fußballrasen ist sensibler als ein Top-Manager, der kurz vor der Hauptversammlung steht. Seine Beschaffenheit darf nicht zu trocken sein, nicht zu nass, nicht zu weich oder zu hart. Sogar die Bodenhärte wird von Fachleuten mit speziellen Geräten gemessen, deren Bezeichnungen klingen so, als kämen sie vom Mars. Und wehe, der Ball springt einmal falsch. Dann reden Trainer plötzlich von „schwierigen Platzverhältnissen“, obwohl der Untergrund wahrscheinlich besser gepflegt wird als der in ihren eigenen Wohnzimmern. Die Auswahl der Akteure ist dabei strenger als bei jedem Casting: Nur die härtesten Gräser wie das Weidelgras, die Wiesen-Rispe oder der Rohr-Schwingel schaffen es in die engere Auswahl. Bevor sie jedoch die große Bühne betreten, müssen sie an Institutionen wie der TU Berlin ein wahres Martyrium überstehen. Dort simuliert eine sogenannte Scherstollenwalze die gnadenlosen Tritte der Fußballstollen. Ein Belastungstest, bei dem die Grashalme auf Dichte, Farben und Krankheitsresistenz geprüft werden.
Sobald der Rasen erst einmal im Stadion verlegt ist, beginnt sein Luxusleben unter der Aufsicht spezialisierter Greenkeeper, die in England sogar das Handwerk studieren können, kümmern sich um jeden einzelnen Quadratmeter.
Wow, wer hätte das gedacht.Dadurch, das moderne Stadien oft Kathedralen artig gebaut und licht arm sind, erhält das Grün täglich Sonnenlicht von riesigen UV-Lichtanlagen.
Die Kunst der heiligen Streifen
Die berühmten Streifen im Stadionrasen entstehen nicht zufällig und sind besonders faszinierend. Über viele Jahre waren die Fernsehzuschauer der Meinung, dass hier Landschaftskünstler mit Lineal und Farbpalette am Werk seien. In der Tat passiert das durch eine Mähtecknik, bei der die Halme in unterschiedliche Richtungen gebogen werden. Unteranderem auch um den Schiedsrichtern die Abseitsentscheidung zu erleichtern. Illusionen sind eben das Lebenselixier des Fußballs: Spieler gehen ohne Kontakt zu Boden, Clubs reden von „langfristigen Projekten“, und ein Rasen ähnelt plötzlich einem Designerteppich. Doch dieser Luxus hat seinen Preis: Ein Bundesliga-Grün verbraucht während der Wachstumsperiode täglich so viel Wasser wie ein Einfamilienhaus in einem ganzen Jahr. Die Pflegekosten pro Jahr können bis zu 300.000 Euro betragen. Mit diesem Geld ließen sich wahrscheinlich Schulhöfe aufwerten oder sogar mehrere deutsche Innenstädte mit echten Bäumen versehen. Stattdessen wird lieber Rollrasen in großen Mengen unter Hochdruck durch das Land transportiert, als ob es sich um lebenswichtige Organe handeln würde. Komplette Greenkeeping-Teams kümmern sich um jeden einzelnen Quadratmeter. Inzwischen hat der moderne Fußballrasen mehr Betreuer als so manche Kleinstadt.
Eine Glosse von Maya-Louise Krügel im Modul „Journalistische Darstellungsformen“ im Studium BA-SJ-32-H-VZ-KS.
Quellen:
https://bobcat.de/fussballrasen-5-ueberraschende-fakten-zur-perfekten-spielflaeche/
https://www.tu.berlin/news/interviews/fussballrasen
https://media.dfl.de/sites/2/2018/11/DE_DFL_Broschuere_Greenkeeping_Stadionrasen_05-18.pdf
http://www.fussballrasen.com/natur-vs-kunstrasen/oekologische-eigenschaften
Schlagworte: Bolzplatz, Fußball, Fußballstadion, Greenkeeper, Investition, Millionen-Rasen, Pflege





